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  • 17.07.2017
  • von Susanne Vieth-Entus

Gestörter Betriebsfrieden: Ausnahmezustand in Berliner Berufsschule

von Susanne Vieth-Entus

Schwerpunkt: Sozialwesen. An der Marie-Elisabeth-Lüders-Schule werden Erzieher und Sozialassistenten ausgebildet. Foto: Peter Kneffel/dpa

Massives Zerwürfnis und kein Ausweg: Jetzt soll die Schulleiterin gehen. Die einen sind erleichtert, die anderen demonstrieren.

Monatelang tobte der Kampf hinter verschlossenen Türen, jetzt wird er nach außen getragen: Ein beispielloses Zerwürfnis des Kollegiums und der Schulleitung der Schöneberger Marie-Elisabeth-Lüders-Berufsschule bahnt sich den Weg an die Öffentlichkeit, nachdem der Konflikt zuletzt in der angekündigten Versetzung der Schulleiterin mündete. Die Bildungsverwaltung spricht von „nachhaltig gestörtem Betriebsfrieden“. Aber die Unterstützer der Leiterin wollen nicht aufgeben, obwohl eine Nachfolgerin schon gefunden wurde.

„Sämtliche Ausschüsse wurden von unzähligen Schülern, Lehrern und Eltern angeschrieben, eine Plakataktion ist in Planung, die CDU-Fraktion hat dem Senat eine Anfrage geschickt“, lautet die Ankündigung der Lehrer, die ihre Chefin nicht hergeben wollen. Sie sprechen von „Transparenz und Partizipation, die jeden Tag gelebt werden“, sie erwähnen die Klassenräte, die wöchentlich tagenden Lehrerteams, den Sprachunterricht und die integrierten Willkommensklassen; sie schwärmen von Hoffesten, Yoga- Nachmittagen und Qualitätsoffensiven an einem „Lebensmittelpunkt, für den das Gros der Lernenden und Lehrenden morgens gern aufstehen“.

Von "Demütigungen" ist die Rede. Aber nicht nur das.

Die Gegenseite steht dieser Vehemenz in nichts nach. Sie haben einen ganzen Ordner mit Anschuldigungen gefüllt. Zahlreiche Lehrer haben die Geschichte ihres Leidens protokolliert. Von „Geringschätzung und Missachtung“ ist da die Rede, von „Schikane“, „gezieltem Mobbing“, „autokratischem Geist“, „abfälligen Bemerkungen“, „Hintergehen des Kollegiums“, „Demütigungen“, „Unterstellungen“, „Missbrauch von Schülern zur wöchentlichen Berichterstattung“, um nur die schwächeren Vorwürfe zu nennen, die in den Unterlagen, die dem Tagesspiegel vorliegen, aufgereiht werden.

Dieser Ordner muss einen ziemlichen Eindruck auf das Berufsschulreferat und den Personalrat gemacht haben, das schon lange von den Problemen wusste: Immer wieder sollen sich verzweifelte Pädagogen gemeldet haben, heißt es. Auch die Auslastung der Schule, die unter anderem Erzieher ausbildet, war nicht optimal.

Seit April zeichnete sich ab, dass die Bildungsverwaltung sich gegen die Schulleiterin entscheiden würde, behaupten ihre Befürworter. Sofort hätten 33 Kollegen mit einem „intervenierenden Schreiben“ reagiert, aber ein Gespräch sei ihnen verwehrt worden; auch der Personalrat habe sich für sie nicht gerührt. Das können die Unterstützer bis heute nicht fassen, wie drei von ihnen bei einem Gespräch in der Schule erzählen. Sie beklagen, dass sich die Gegner einer Konfliktlösung versagt hätten. De Schulleiterin selbst wollte sich gegenüber dem Tagesspiegel nicht äußern.

Mindestens zehn aktuelle Versetzungsanträge

Welche Gruppe größer ist – die der Befürworter oder der Gegner –, ist schwer zu sagen. Denn den angeblich 33 Befürwortern stehen zahlreiche Kollegen gegenüber, die längst wegen der Leiterin gegangen seien, heißt es. Mindestens zehn weitere hätten jetzt Versetzungsanträge gestellt, wobei die Befürworter der Leiterin sagen, dass viele der Anträge ganz andere Gründe hätten. Aber auch die Gegner geben zu bedenken, dass die 33 Solidaritäts-Unterschriften nicht die tatsächlichen Befindlichkeiten widerspiegelten, sondern nach einer "inszenierten" Dienstbesprechung zustande gekommen seien.

Die Wahrheitsfindung ist schwierig. Schon die Schulinspekteure, die 2014 in der Schule waren, äußerten sich ambivalent. Zwar wurde die relativ neu ins Amt gekommene Leiterin für ihr "strukturiertes Handeln" gelobt; auch von einem "positiven sozialen Klima" war die Rede. Gleichzeitig zeichneten sich aber auch die Defizite ab: Es entstehe "punktuell der Eindruck, dass die Schulleiterin auf die spezielle Situation einzelner Mitarbeiter nicht immer feinfühlig und verständnisvoll eingeht", war im Inspektionsbericht zu lesen. Weiter hieß es, dass zwischen Schulleitung und Kollegium ein "signifikanter Teil der Lehrkräfte allerdings noch ein Entwicklungspotential sieht".

"Kein wertschätzendes Klima" - an einer Schule für Sozialwesen

Diese Potential wurde offenbar nicht ausgeschöpft. „Über einen Zeitraum von mehreren Jahren ist es nicht gelungen, ein wertschätzendes Klima des Umgangs zu etablieren“, fasst die Bildungsverwaltung die Lage zusammen. Die Beschäftigtenvertretung habe der Versetzung zugestimmt. Ausgestanden ist die Sache damit aber noch nicht: Am Mittwoch wird für die Leiterin demonstriert.

Angesichts der missglückten Deeskalationsstrategie der Berufsschulaufsicht fühlt sich mancher an einen anderen Fall erinnert: An der Marcel-Breuer-Schule gab es im Herbst 2016 ebenfalls eine Schulleiter-Versetzung. Der Fall lag allerdings völlig anders: Dort entstand der Konflikt nicht aus der Schule heraus, sondern aus der Fusion mit der Nachbarschule.

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