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  • 21.04.2017
  • von Paul Hildebrandt

Nachruf auf Willy Schmitsdorf (Geb. 1921): „Frauen mögen Humor“

von Paul Hildebrandt

Willy Schmidtsdorf zu Silvester 1952. Foto: privat

Für die Gefangenschaft bekam er 500 Mark Entschädigung, 50 Pfennig pro Tag, für Sonntage nichts. Den Traum vom Fliegen gab er auf, dafür fand er Agnes, seine Frau. Die allerdings träumte von ganz anderen Dingen.

Willy Schmitsdorf, 95 Jahre alt, liegt im Heim in einem kahlen Zimmer, seit Wochen ist er kaum noch ansprechbar, er fragt nur hin und wieder: „Wo ist denn die Mutti?“ An einem Januartag sitzt sein Sohn neben dem Bett. Er sagt: „Papa, Agnes ist verstorben.“ Schmitsdorf reißt die Augen auf und klammert sich mit dünnen Fingern an die Hand des Sohnes. Drei Tage später ist er tot. Mehr als ein halbes Leben lang hat Willy Schmitsdorf der Liebe wegen durchgehalten. Als er vom Tod seiner Frau erfährt, hört er damit auf.

Vor dem Krieg hatte er noch Träume: Er wollte fliegen, Berlin von oben sehen. Als die Wehrmacht in Russland und Frankreich einmarschiert, schraubt der junge Mann Motoren für die Lufthansa. Selbstverständlich will er selbst irgendwann im Cockpit sitzen. Als er schließlich auch in den Krieg muss und nach Osten geschickt wird, bricht etwas in Schmitsdorf. Er sieht Kameraden verbluten und läuft vor Bomben davon. Die Russen nehmen ihn gefangen und schicken ihn noch weiter nach Osten. Später wird er seinen Kindern von den goldenen Kornfeldern in Rumänien erzählen, die er aus den offenen Türen des Gefangenentransports sieht. „Endlose Weiten, wie ein Meer, das könnt ihr euch nicht vorstellen.“ Warum er nicht weggelaufen ist? „Wo hätte ich denn hinlaufen sollen?“ Ja, wohin?

Als Schmitsdorf 1948 wieder nach Berlin kommt, wartet niemand auf ihn. Vier Jahre Kriegsgefangenschaft haben ihre Spuren hinterlassen. Er trägt einen Zahnersatz, weil russische Soldaten ihm seine Backenzähne ausgeschlagen haben. Die Füße schmerzen von der Kälte.

Er erhält eine Entschädigung von 500 Mark: 50 Pfennig pro Tag, für Sonntage gibt es nichts. In Berlin werden keine Flugzeugmechaniker mehr gebraucht. Wohin also mit diesem jungen Mann, der alles verloren hat?

Der Moment, in dem Willy Schmitsdorfs Leben die entscheidende Wendung erfährt, ist die Hochzeit eines Fremden. Ein Freund lädt ihn ein, seine kleine Schwester dorthin zu begleiten. Sie ist neun Jahre jünger, hat dunkle Locken und ein hübsches Gesicht. Schmitsdorf verliebt sich sofort. Agnes heißt sie und träumt allerdings von der Mode am Kurfürstendamm, nicht von einem Mechaniker mit öligen Fingern. Das ist ihm einerlei, er weicht nicht mehr von ihrer Seite, repariert tagsüber Automotoren für die Engländer und wirbt abends um ihre Liebe. Silvester ’52 feiern sie zusammen in Spandau. Um seinen Hals hängen Luftschlangen, er trägt einen Hut schief auf dem Kopf. Eine ganze Nacht lang zieht er Grimassen und macht Witze, um sie zum Lachen bringen. „Frauen mögen Humor“, sagt er. Im neuen Jahr werden sie ein Paar.

Für Agnes, seine Frau, ackert er nun von morgens bis abends in einer Spandauer Autowerkstatt. Den Traum vom Fliegen hat er längst aufgegeben. Wenn er mit kaputten Händen nach Hause kommt, bastelt er an dem alten Wagen, mit dem er Agnes in den Urlaub fahren möchte. Willy Schmitsdorf hat kaum freie Zeit, kaum Freunde und keine Hobbys. Er hat Agnes und bald zwei Kinder, für die es sich zu leben lohnt.

Als erste Risse im Lebensglück erkennbar werden, hält er an der Familie fest. Agnes wünscht sich eigentlich fort aus diesem Arbeiterleben, sie kauft sich teure Cremes und Kleider, die sie in der kleinen Wohnung stapelt, sie geht ins Kino und ins Theater. Willy Schmitsdorf setzt sich nach der Arbeit vor den Fernseher. Im „Modehaus Konstanze“ verkauft Agnes Röcke und Hosen. Da begegnen ihr hin und wieder West-Berliner Stars, manchmal sogar welche mit Weltruhm. Jahrelang erzählt sie von Romy Schneider, die sie bedient hat, und von den vielen Verehrern, die sie umworben haben. Willy Schmitsdorf verehrt seine Agnes, er liebt ihre Eleganz – und er kann mit den Dingen, von denen sie wohl träumt, nichts anfangen. Als Rentner kauft er sich den ersten Neuwagen seines Lebens, einen grauen Opel. Diskussionen um das knappe Geld hat es immer gegeben. Willy Schmitsdorf spricht dann immer vom Krieg, von toten Soldaten und harten Brotkanten, an denen man sich die Zähne ausbiss.

Trotz allem bleiben die beiden zusammen, bis zum Schluss. Als er 93 ist, kommt Willy Schmitsdorf ins Heim. Er ist da schon dement, vergisst, dass er Kinder hat, lebt in seinen Kriegserinnerungen; nur an den Namen seiner Frau klammert er sich wie besessen. Als Agnes krank wird und nicht mehr bei ihm im Heim auftaucht, fragt er jeden Tag nach ihr. Er will sich um sie kümmern.

Zwei Jahre später wird ihm sein Fuß amputiert. Als nichts mehr zu machen ist, schicken die Ärzte ihn zum Sterben zurück in sein kahles Zimmer. Agnes ist da schon seit vier Monaten tot. Als er erst jetzt erfährt, dass sie ihn nicht mehr braucht, verkrampft er sich noch einmal, dann wird er ruhig.

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