25.09.2017, 14°C
  • 06.04.2017
  • von Jeanette Bederke und Alexander Brüggemann

Perle am Rande der Uckermark

von Jeanette Bederke und Alexander Brüggemann

Geschichtsträchtig. Mit den Zisterziensern kam im 13. Jahrhundert eine 200-jährige Blütezeit für Chorin. Im 19. Jahrhundert wurde die Schönheit der Ruinen entdeckt – und der Verfall gestoppt. Fotos: Patrick Pleul/dpa

Über Jahrhunderte diente die einstige Zisterzienser-Abtei als Scheune und Stallung, teils als Steinbruch. Erst als Schinkel 1816 auf den Plan trat, wurde der Verfall gestoppt. Nun erinnerte erstmals eine Dauerausstellung an die Geschichte

Chorin - „Kloster Chorin ist keine jener lieblichen Ruinen, darin sich’s träumt wie auf einem Frühlingskirchhof, wenn die Gräber in Blumen stehen ... Wer hier in der Dämmerstunde des Weges kommt und plötzlich zwischen den Pappeln hindurch diesen still einsamen Prachtbau halb märchenhaft, halb gespenstisch auftauchen sieht, dem ist das Beste zuteil geworden, das diese Trümmer ... ihm bieten können.“ So beschreibt Theodor Fontane 1873 in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ das Zisterzienserkloster Chorin.

So wäre es gut: Hier sich wandernd zurückzuziehen – und sich Gott zu nähern. Stattdessen steigen die meisten heutigen Besucher vor der Pforte aus dem Auto und stolpern mitten ins 13. Jahrhundert. Chorin am Rande der Uckermark, auf halbem Weg zwischen Berlin und Stettin, ist mehr als eine der schönsten Klosteranlagen Deutschlands. In der Ruine ist der Geist der Gründer noch greifbar: Ora et labora, bete und arbeite. Arbeit gab es genug: Wälder waren zu roden, Landbau und Fischerei von der Pike aufzubauen.

Das Zisterziensertum war eine Reform des benediktinischen Mönchtums. Zurückgezogenheit, Verpflichtung zur Autarkie: Scharenweise folgten junge Männer im zwölften Jahrhundert dem Ruf des Ordens nach totaler Armut. Zurück zu den Wurzeln – das war durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Mönche rodeten und ackerten selbst.

Manches liegt heute wieder im Trend. Landlust und Einfachheit statt Großstadt, dazu Ökolandbau zur Selbstversorgung: So sind die Zisterzienser Folie für ein Idealbild vom frommen Mittelalter, als die Welt noch in Ordnung gewesen sei. Dass die Mönche meist nicht älter als 35 wurden, wird gern ausgeblendet. Ein weiterer Kratzer in diesem Bild ist, dass die radikal armen Zisterzienser quasi wider Willen in kürzester Zeit reich wurden – weil ihre Lebensweise für das Seelenheil adliger Stifter zu bürgen schien. Angesichts bedeutender Schenkungen und Hunderter neuer Klostergründungen wurden zur Erledigung der Arbeit bald Laienbrüder aufgenommen und sogar Lohnarbeiter eingestellt.

Auch in der Mark Brandenburg vergaben die askanischen Markgrafen Ländereien für Klostergründungen. Die doppelte Idee dahinter war eine Christianisierung und Befriedung der von den Slawen eroberten Gebiete – und ihre wirtschaftliche Erschließung. Die Zisterzienser von Lehnin erhielten 1258 reichlich Grundbesitz, um auf einer Insel im Parsteinsee das Kloster Mariensee zu gründen. Allerdings wurden am Baugrund gravierende Mängel festgestellt. 1273 wurde die Verlegung nach „Koryn“ (Chorin) beschlossen.

Die kommenden vier Jahrzehnte waren für Chorin eine Erfolgsgeschichte, was sich auch in Größe und Güte des Baues niederschlug: Der Besitz wuchs auf 13 Dörfer, fünf Höfe, elf Mühlen und 23 Seen. Schon 1319 begann jedoch der Niedergang. Erbstreit, Pest und Hungersnöte trafen den Lebensnerv des Klosters. Längst schon konnte man die riesigen Ländereien nicht mehr selbst bewirtschaften. 1542 wurde das Kloster aufgehoben und 1543 verpfändet.

Von da an dienten die Gebäude als Scheunen und Ställe, teils gar als Steinbruch. Erst als 1816, vor 200 Jahren, ein preußischer Baubeamter namens Karl Friedrich Schinkel auf den Plan trat, wurde der Verfall gestoppt. In Chorin fand der junge Schinkel, der seine Karriere als Hofarchitekt noch vor sich hatte, einen Haufen zerfallender Backsteine vor. Doch der Experte erkannte den Wert des Komplexes und bescheinigte dessen „Merkwürdigkeit“, sprich Bedeutung. Den Pächter forderte er amtlich auf, zumindest die Schweine aus der Kirche zu entfernen. Es war ein glücklicher Umstand, dass sich der berühmte preußische Baumeister der schon seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr als Kloster genutzten Anlage annahm und maßgeblich zu ihrem Erhalt beitrug. Derartige Baudenkmale der frühen Backsteingotik soll er als „des Landes schönster Schmuck“ bezeichnet haben.

Weiterer Entsatz kam 1823, als die königliche Familie Chorin besuchte. Der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. war fasziniert von der Architektur und entsetzt von der Vernachlässigung. Seitdem folgten nach und nach bauliche Sicherungen, etwa neue Maßwerke und ein Kirchendach.

Heute präsentiert sich Chorin wieder als ein gotisches Meisterwerk, belebt, wenn nicht durch Mönche, so doch durch Besucher, die sich ab Freitag durch eine neue Dauerausstellung über das Kloster informieren können. Zur Eröffnung kommt auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

Die Ausstellung dürfte durchaus auf Interesse stoßen. Zwar der „Choriner Musiksommer“ überregionale Anziehung aus. Er findet in diesem Jahr bereits zum 54. Mal statt. Doch Zweidrittel der jährlich fast 100 000 Besucher kommen aus Interesse an der Zisterzienseranlage selbst.

Wer sich nun die Dauerausstellung im Kloster Chorin in Ruhe anschauen möchte, sollte sich warm anziehen und ausreichend Zeit mitbringen. Die Räume im ehemaligen Brauhaus und vor allem in den Gewölbekellern des Westflügels sind zwar ganzjährig frostfrei, die Plusgrade bleiben jedoch selbst im Hochsommer im einstelligen Bereich. Schließlich lagerten die Mönche hier einst ihre Vorräte – frisch, getrocknet, gesalzen oder geräuchert. Doch trotz der Kälte wird viel geboten: tiefe Einblicke in den Bau des Klosters, die mittelalterliche Klosterwirtschaft und in die Zeit der Reformation. Auch die Wiederentdeckung Chorins im 19. Jahrhundert und die frühe Denkmalpflege werden thematisiert.

Seit zwei Jahren wurde die Schau vorbereitet. Erstmals werden alle Informationen und Forschungsergebnisse der vergangenen 25 Jahre präsentiert. Herzstück ist ein riesiges interaktives Modell der Anlage, die 1273 als Hauskloster der Markgrafen von Brandenburg erbaut worden war. Das Besondere im Kloster Chorin: Die gotische Formsprache und die filigranen Ornamente mit Blatt- und Rankendekor großer Dome wie Köln oder Paris wurden hier in der Mark erstmals in Backstein umgesetzt. Eine Auswahl dieser besonderen Formsteine, die teils aus archäologischen Grabungen stammen, wird in der Ausstellung gezeigt.

Größtes Exponat ist jedoch das Kloster selbst, das in späteren Jahrhunderten nicht baulich verändert worden war. „Erstmals sind alle erhaltenen Gebäude für Besucher zugänglich, die Anlage so als Kloster noch immer zu begreifen – ob nun bei speziellen Führungen oder ausgerüstet mit einem Audio Guide“, erklärt die Leiterin der Klosterverwaltung, Franziska Siedler. Zu entdecken sind beispielsweise Teile von Choralgesängen, die Mönche während des Baus des Klosters in das verwendete Baumaterial geritzt hatten. Auch Backsteine mit Hand- und Fußabdrücken werden als spannende Zeugnisse des Klosterbaus gezeigt. „Damals entstand die Choriner Bauhütte zur Herstellung dieser Formsteine, die auch in anderen Kirchenbauten der Region Verwendung fanden“, erzählt die Klosterverwalterin.

Was die Klosteranlage so reizvoll und auch einmalig in Brandenburg mache, sei auch die Lage inmitten eines von Peter Joseph Lenné angelegten Landschaftsparkes, sagt Siedler. „Im Vergleich zu anderen, nachträglich umbauten Klöstern zeigt sich hier noch immer, dass Zisterzienserbauten im Mittelalter tatsächlich fernab von Siedlungen errichtet wurden.“

In der neuen Ausstellung sind Reproduktionen von 28 Zeichnungen und Aufmaß-Skizzen Schinkels zum Kloster zu sehen, das unter seiner Federführung zu einem Musterbeispiel preußischer Denkmalpflege wurde. Immer sei es in den vergangenen 200 Jahren um die Sicherung der vorhandenen Bausubstanz gegangen, nicht aber um den Wiederaufbau fehlender Teile wie des kompletten Südflügels und des Kirchenseitenschiffes, betont Siedler. „Die alten Mauern erfuhren seitdem eine kontinuierliche Denkmalpflege, denn auch zu DDR-Zeiten wurde behutsam mit der historischen Bausubstanz in Chorin umgegangen“, sagt sie. Seit 2013 wird das Kloster von der Gemeinde Chorin als Eigenbetrieb verwaltet. Die historischen Gebäude sind Eigentum des Landes Brandenburg.

„Die Kunst der Ausstellungsgestaltung liegt darin, Besuchern ohne Kenntnisse vom Mittelalter eine Vorstellung zu vermitteln, wie es damals war“, sagt der Berliner Ausstellungsarchitekt Rainer Lendler. Und zwar ohne ellenlange Texttafeln und lange Erläuterungen. „Es gibt wenig Gegenständliches auszustellen, deswegen setzten wir auf die Wirkung der imposanten Räume selbst“, sagt er.

Wer mehr über den geistlichen Alltag der etwa 80 Priester und 300 sogenannten Laienbrüder erfahren möchte, muss sich noch bis zum Jahr 2019 gedulden. Dann wird im Kloster-Ostflügel der zweite Teil der insgesamt rund 100 000 Euro teuren Dauerausstellung eröffnet. „In diesem zweiten Teil räumen wir auf mit Klischees von dicken, Wein trinkenden Mönchen“, kündigt die Leiterin der Choriner Klosterverwaltung an.

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