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  • 03.04.2017
  • von Gerd Nowakowski

Bekenntnisse eines Beamten: Ein Polizist erzählt, was auf Berlins Straßen falsch läuft

von Gerd Nowakowski

Ein Treffen mit Karlheinz Gärtner am Hermannplatz. Foto: Mike Wolff

Er war Polizist, Einsatzgebiet: Neukölln. 44 Jahre war er auf den Straßen unterwegs. Karlheinz Gärtner hat ein Buch geschrieben, weil vieles einfach nicht mehr stimmt. Ein Treffen am Hermannplatz.

Dieser Bulle gibt nicht auf. Will nicht aufgeben. Da geht es schließlich um die Werte, die ihn auf diesen Berufsweg geführt haben. Dafür zu sorgen, dass sich Menschen sicher fühlen können und nicht Opfer werden von Gewalttätern und Kriminellen. Dieser Anspruch hat ihn durch 44 Berufsjahre als Polizist und Zivilfahnder geleitet, und daran will er noch immer glauben. Dabei könnte er verzweifeln an dem, was er und seine Kollegen bei der Berliner Polizei tagtäglich erleben und erleiden.

Karlheinz Gärtner ist ein kräftiger Mann, der seine Worte wägt und langsam spricht. Der die Ruhe zu bewahren gelernt hat bei unzähligen Festnahmen, bei nächtlichen Observationen oder brenzligen Situationen. Aber man merkt beim Gespräch im Café am Hermannplatz, wie es in ihm brodelt.

Wenn er etwa spricht über den Kampf gegen die Drogendealer in der nahen Hasenheide. Die war schon 1972 ein Drogenumschlagplatz, „als ich dort zum ersten Male bei einem Einsatz hinterm Busch gelegen habe“. Geändert hat sich daran nichts in über vier Jahrzehnten. Wenn er darüber spricht, unwillkürlich die Hände ballt, dann merkt man, wie sehr ihn das alles bewegt.

Er kann es nicht akzeptieren, dass die Polizei hilflos ist und immer nur die Kleinen einfängt, die am nächsten Tag schon wieder an derselben Stelle stehen. Dabei könnte viel mehr passieren, wenn die Polizei das nötige Personal und die Mittel erhielte – und vor allem die Wertschätzung und Anerkennung durch die Gesellschaft. Denn daran mangelt es, das haben er und seine Kollegen häufig erfahren.

Die verrohte Gesellschaft

Der Kampf gegen Kriminelle, die immer brutaler vorgehen, erfordere auf der anderen Seite eine Bürgerschaft, die hinter den Beamten und ihrer Arbeit steht. Stattdessen aber erlebt er eine Bevölkerung, die zwar von Polizisten immer mehr fordert, sie aber gleichzeitig ihre Verachtung spüren lässt.

Gärtner hat sich den Ärger über das, was auf Berlins Straßen falsch läuft in Sachen Sicherheit und friedlichem Zusammenleben, vom Herzen geschrieben. Das Buch „Sie kennen keine Grenzen mehr - die verrohte Gesellschaft“ ist eine Anklage gegen Respektlosigkeit, Gewalt und Verwahrlosung.

Der seit einigen Jahren pensionierte Hauptkommissar ist kein Mann der strammen Parolen, sondern ein nachdenklicher Mahner vor einer gesellschaftlichen Entwicklung, bei der auch bei den normalen Bürgern die Aggressivität und Rücksichtslosigkeit wächst – im Alltag auf der Straße, etwa mit Pöbeleien zwischen Radlern und Autofahrern, oder wenn Beamte als „Nazis“ beschimpft werden, wenn sie Verkehrssünder ermahnen.

Verwundern tut es Gärtner nicht. Wenn die Menschen erfahren, dass sie als Falschparker gnadenlos zur Kasse gebeten werden, aber Schwerkriminelle mit Hilfe teurer Anwälte freikommen, dann leide das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden. Und macht damit alle unbescholtenen Bürger zu Opfern.

Der Ur-Neuköllner Gärtner kennt jeden Meter Straße in seinem Revier. Für ihn geht es nicht nur um Kriminalitätsbekämpfung, sondern um ein friedliches Zusammenleben. Deshalb kann er nicht verstehen, dass die Menschen dort ihr Wohnumfeld so geringschätzen, dass überall der Müll abgeladen wird, von der verschlissenen Couch bis zum alten Reifen.

Engagement für seinen Kiez, auch das gehört für ihn dazu. Der frühere Polizist hat sich selbst viele Jahre engagiert, damit es auf der Straße friedlicher zugeht. Mit Fußballturnieren zwischen Polizisten und Neuköllner Kids hat er versucht, das Verhältnis zwischen den Jugendlichen aus Immigrantenfamilien und der Polizei zu entspannen.


Die arabischen Clans machen ihn wütend

Zusammen mit dem ehemaligen Intensivtäter Fadi Saad, der inzwischen selber Polizist geworden ist, haben sie den Dialog mit den Cliquen gesucht, um ein Abrutschen in die Kriminalität zu verhindern. Einige Jahre lang hat Gärtner darum gekämpft, mehrere Jungen einer Flüchtlingsfamilie vor dem Missbrauch durch Pädophile zu schützen, die die Familie in ein perfides Netz der materiellen Abhängigkeit einsponnen – letztlich vergebens, wie er sich eingestehen musste.

Und es macht ihn wütend, dass arabischstämmige Clans inzwischen in der dritten Generation mit organisierter Kriminalität reich geworden sind, während sie offiziell immer noch Sozialhilfeempfänger sind. Die Jugendlichen treten in die Fußstapfen von Vätern und Großvätern, die für sie Respektspersonen sind.

Landen sie im Gefängnis, dann werde ihnen vom Familienoberhaupt vermittelt, dass sie dadurch erst richtige Männer würden. Kein Wunder, dass selbst 12-Jährige aus diesen Familien Polizisten wüst bedrohen und attackieren. Selbst an der Flüchtlingskrise hätten diese Clans verdient, indem sie illegale Unterkünfte eingerichtet haben, empört sich Gärtner. Erst durch vermehrte Einbrüche in Bettengeschäfte und Einrichtungshäuser sei der Polizei bewusst geworden, dass mit dem Diebesgut die Unterkünfte ausgestattet wurden.

Befriedigt nimmt Gärtner zur Kenntnis, dass in der Politik die Ausstattung der Polizei nun wieder ein Thema ist. Er vermutet aber, dass dies vor allem eine Folge der terroristischen Bedrohung und des Anschlags etwa in Berlin ist. Deswegen traut er dem Umschwung nicht so recht. Er kann nicht verstehen, warum etwa der Einsatz von Video in Berlin immer noch ein Streitthema ist.

Ein Unding, sagt er, dass es am Kottbusser Tor mit der Vielzahl von Drogendelikten, Diebstählen und Gewaltvorfällen keine Kameras gibt – obwohl das sowohl Anwohner oder Ladenbesitzer begrüßen würden. Was Video bringen kann, hat er in der Hasenheide erfahren: In einem Feldversuch durften die Beamten Kameras einsetzen und konnten dadurch einige Hintermänner des Drogenhandels überführen. Nach vier Wochen war Schluss – aus Datenschutzgründen. Gärtner, der in seiner Karriere elf Belobigungen erhielt, kann das immer noch aufregen.

Manchmal möchte ich vor Wut einfach loslaufen, gesteht er und lässt seinen Blick über das bunte Leben auf dem Hermannplatz schweifen. Dabei will er mit seinen harten Schilderungen aus der Welt der Kriminalität nicht schockieren. Er habe vieles weniger drastisch beschrieben, als es tatsächlich war, sagt er.

Schließlich wolle er kein rechter Populist sein oder für einen Polizeistaat plädieren, sondern nur auf die Fehlentwicklungen hinweisen. Das Miteinander mit den Bürgern klappt nicht mehr richtig: Ohne die Unterstützung durch die Bevölkerung aber könne die Polizei nicht erfolgreich sein. Ja, deswegen sei das Buch auch ein Hilferuf, gibt er zu. Das ziele auch auf die Politik. Schließlich würde es viele Beamte entmutigen, wenn sie nach gefährlichen Einsätzen auch von Politikern wegen angeblich unangemessener Härte kritisiert würden.

Welchen Schaden eine friedliche Gesellschaft nimmt, die Verbrechen ausblendet und die Opfer allein lässt, hat Gärtner bei seiner 91-jährigen Tante erlebt. Die wurde vor nicht allzu langer Zeit bei Karstadt am Hermannplatz das Opfer eines Trickdiebes. Der bat sie um Hilfe und stahl ihr dabei das Portemonnaie. Es sei in Berlin nicht mehr angebracht, höflich zu sein, habe seine Tante danach resigniert gesagt. Das habe ihm wehgetan.

Immer wieder die gleichen Täter

Razzien, Krawalle bei Demonstrationen, Attacken bei Straßeneinsätzen und mehrere tausend Festnahmen – er hat alles erlebt. Er wurde heimtückisch angegriffen, von Schlägern gehetzt, seine Einsatzfahrzeuge mit Steinen beworfen oder in Brand gesetzt. Trotzdem sei er immer gerne Polizist gewesen.

Viele Kollegen aber seien frustriert, weil sie immer wieder die gleichen Täter festnehmen müssen und dann vor Gericht gedemütigt werden von den Anwälten der Täter und ihre Aussagen auseinandergenommen werden. Und am Ende kämen die Täter frei. „Mich macht wütend, dass einige Kriminelle unser Gesellschaftssystem so ausnützen können.“

Seit Langem fordert Gärtner, dass bei der organisierten Kriminalität die Beschuldigten nachweisen müssen, woher ihr Geld stammt. Er hat zu oft Verbrecher erlebt, die hochklassige Autos fahren, einen aufwendigen Lebenswandel führen, Villen gemietet hätten und sehr teure Anwälte beschäftigen, obwohl sie offiziell arbeitslos sind. Diese Täter müssen sich dadurch doch ermutigt fühlen, beklagt Gärtner mit Blick auf spektakuläre Einbrüche in Kaufhäuser oder in Museen: Wenn ich merke, dass ich über längere Zeit ungestraft davonkomme, dann werde ich immer dreister und frecher.

Ihm liegen die Opfer am Herzen. Vor Gericht werden Täter vielfach besser behandelt als die Menschen, denen sie etwas angetan haben, ist seine Erfahrung. Bei Tätern werde nach entlastenden Indizien gesucht oder Taten mit problematischen Familienverhältnissen entschuldigt. Viele Menschen, die bestohlen, verletzt oder ausgeraubt wurden, fühlten sich dagegen vor Gericht zum zweiten Mal zum Opfer gemacht durch unsensible Richter und höhnende Verteidiger der Angeklagten. Unerträglich, sagt Gärtner und ballt seine Hände.

Er hat das selber vor nicht langer Zeit erlitten. Nahezu sechs Jahre nach der Überführung eines Betrügers kam es zum Prozess, bei dem er als Zeuge aussagen sollte. Natürlich habe er sich kaum noch erinnern können. Doch anstatt ihm zu helfen, sich wieder in den Fall hineinzufinden, habe ihn die Richterin dastehen lassen wie einen dummen Jungen. Wenn mir das so geht, sagt Karlheinz Gärtner, obwohl ich da beruflich häufig erscheinen musste, wie muss es dann Verbrechensopfern gehen, die so etwas vor Gericht zum ersten Male erleben?

Das Buch wird vorgestellt am Montag, 3. April 2017, um 20 Uhr im „Heimathafen Neukölln“, Karl-Marx-Straße 141. Eintritt: 10 Euro

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