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  • 09.03.2017
  • von Alexander Fröhlich

NSU: Handy-Daten von Neonazi verschwunden: Gab es mehr „Bums“-SMS an Brandenburger V-Mann „Piatto“?

von Alexander Fröhlich

Der V-Mann "Piatto" (l.) im Oberlandesgericht in München. Foto: Marc Müller/dpa

„Was ist mit den Bums?“, fragte der mutmaßliche NSU-Unterstützer und Neoanzi Jan Werner den Brandenburger V-Mann „Piatto“ per SMS. Damit waren wohl Waffen gemeint. Nun stellt sich heraus: Ein Teil der abgefangenen SMS von Werner fehlen in den Akten.

Erfurt/Berlin - Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages untersucht laut MDR Thüringen eine mutmaßliche Aktenmanipulation in Thüringen. Nach Informationen des Senders geht es um mehr als hundert von der Polizei abgefangene SMS, die in den Zielfahndungsakten des Thüringer Landeskriminalamtes aus dem Jahr 1998 fehlen. Das LKA hatte damals bei der Suche nach dem untergetauchten Jenaer Terror-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe das Handy des mutmaßlichen NSU-Unterstützers und sächsischen Neonazis Jan Werner angezapft.

Damit könnten auch Nachrichten zwischen Werner und dem Brandenburger V-Mann Carsten Szczepanski alias „Piatto“ über die Beschaffung von Waffen für den NSU betroffen sein. In dessen Umfeld war der Brandenburger Neonazi vom Verfassungsschutz als V-Mann eingesetzt. Frühe Hinweise von Piatto auf das untergetauchte Neonazi-Trio waren 1998 noch vor Beginn der Mordserie zwar nicht versickert, jedoch von Brandenburg wegen des Quellenschutzes nur bedingt an die Behörden in Thüringen und Sachsen weitergegeben worden.

114 SMS fehlen

Erst jetzt wurde entdeckt, dass ein Teil der abgefangenen SMS von Werner in den Papierakten fehlen. In den Protokollen sind rund 2500 abgefangene Kurzmitteilungen fortlaufend nummeriert, doch ein Block mit 114 SMS ist nicht dokumentiert. Diese Nachrichten hatte Werner mutmaßlich zwischen dem 26. und 27. August 1998 versendet oder empfangen.

Werner hatte am 25. August 1998, nur einen Tag bevor die Lücke im Abhörprotokoll auftaucht, Kontakt mit dem Brandenburger V-Mann Piatto. Er schickte eine SMS mit dem Wortlaut: „Was ist mit den Bums?“ Allgemein wird davon ausgegangen, dass damit Waffen gemeint sind. Ob die SMS jemals bei Piatto ankam, ist nicht geklärt. Am selben Tag war Szczepanski von seinem V-Mann-Führer aus dem Gefängnis in Brandenburg/Havel abgeholt worden, in Potsdam wurde das Handy ausgetauscht. Der Grund: Es war auf das Innenministerium registriert und war bei der Überwachung von Werner durch das Thüringer LKA erfasst worden. Strittig ist, ob die „Bums“-SMS ankam, bevor Piatto das alte Handy abgab.

Brandenburger Verfassungsschutz: "Piattos" Handy wurde deaktiviert, bevor die SMS abgeschickt wurde

Im Münchner NSU-Prozess hatte der V-Mann-Führer ausgesagt, er habe „Piatto“ um 16 Uhr das alte Handy abgenommen. Tatsächlich wurde danach damit telefoniert. Und bevor er am Abend „Piatto“ im Gefängnis ablieferte, kam jene SMS von dem Chemnitzer Neonazi Werner. Brandenburgs Verfassungsschutz hatte bislang erklärt, dass „Piattos“ altes Spitzelhandy „wohl“ deaktiviert wurde, bevor die SMS abgeschickt wurde. Dagegen spricht, dass der Chemnitzer NSU-Helfer eine Werbe-SMS von Piattos altem Handy bekam, einen Tag nachdem es angeblich abgeschaltet worden war.

Das Thüringer Innenministerium räumte in seiner Antwort vom 16. Februar 2017 an den Bundestag ein, dass die SMS-Daten von Jan Werner für die fraglichen Tage verschwunden seien, berichtete der MDR nun. Ein damaliges technisches Versagen der Abhöranlage werde vom Ministerium ausgeschlossen. Wie die Daten aus den alten Akten verschwunden seien, könne das Ministerium nicht erklären. Der Untersuchungsausschuss des Bundestags wolle nun die Vorladung Thüringer LKA-Beamte als Zeugen prüfen. (mit dpa)

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