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  • 09.02.2017
  • von Von Karl Kardinal Lehmann

Karl Kardinal Lehmann: Können auch Katholiken Luther gedenken?

von Von Karl Kardinal Lehmann

Karl Kardinal Lehmann (Archivbild) Foto: dpa/Uwe Zucchi

Karl Kadinal Lehmann ist zur Eröffnung der Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin der Frage nachgegangen, ob Katholiken auch Luther gedenken können. Und ja, sie können. Seine Rede im Wortlaut.

"Zunächst möchte ich mich bei der Staatsbibliothek zu Berlin, bei Ihnen: Frau Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf und auch bei Ihnen Herr André Schmitz, dem Vorsitzenden der Freunde, sehr herzlich für die Einladung bedanken, die Festrede bei diesem Neujahrsempfang 2017 aus Anlass der Ausstellungseröffnung „Bibel, Thesen, Propaganda“ zum 500. Jubiläum der Reformation zu übernehmen. Indem Sie mich als katholischen Kirchenmann und Theologen einladen, setzen Sie gerade auch im Zusammenhang des Reformationsjubiläums ein wichtiges ökumenisches Zeichen, auf das ich gerne antworten möchte. Deswegen habe ich auch Ihren Titelvorschlag übernommen „Warum und wie können Katholiken das 500-jährige Reformationsgedenken 2017 mitbegehen?“. Gerne gehe ich darauf ein.

I. Der Ursprung des Reformationsgedenkens

Geburtstage vergisst man nicht. Deswegen begehen besonders und zunächst die lutherischen und reformatorischen Kirchen den Beginn der Reformation, den man in der Regel am 31. Oktober 1517 mit dem berühmten Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg ansetzt, ob er nun im üblichen historischen Sinn stattgefunden hat oder nicht. Dieses „Luthergedächtnis“ hat man mindestens seit dem Jahr 1617 feierlich begangen. Die einzelnen Jubiläen sind sehr imprägniert von ihrer jeweiligen Zeit. Sie sind darum auch recht verschieden voneinander und offenbaren manche Verstrickungen in die Situation der Zeit und ihren Geist (z.B. 1817, 1917).

Deswegen ist es mit diesen Reformationsjubiläen auch nie so einfach gewesen. Ein Blick zurück kann da einiges helfen. Es kann einem ja die Schamröte ins Gesicht treiben, wie Luther 1817 ganz in das Prokrustes-Bett eines Nationalhelden gezwängt oder wie er 1917 gegen Ende des 1. Weltkrieges für manche Durchhalteparolen benützt worden ist. Da ist es zweifellos zunächst richtiger, wenn Luther gerade im Blick auf Deutschland immer wieder in seiner Bedeutung für unsere Kultur hervorgehoben wird, nicht zuletzt im Blick auf seine Übersetzung der hl. Schrift, ein einzigartiges Denkmal für die deutsche Sprache. Es ist seit langer Zeit modern geworden, besonders durch den Deutschen Idealismus im 19. Jahrhundert gefördert, in Luther den endlichen Gewinn menschlicher Freiheit gegenüber allen Autoritäten und Abhängigkeiten zu feiern. Gewiss muss man Luther im Zusammenhang der Rahmenbedingungen des frühneuzeitlichen Aufbruchs sehen. Ob man ihn jedoch in so hohem Maße als Aufgang der Freiheit überhaupt sehen darf, kann man wirklich bestreiten. Die Reformation ist gewiss nicht einfach nur die „frühbürgerliche Revolution“ und Luther nicht nur ein „Fürstenknecht“, wie die marxistische Interpretation lautet. Das Lutherjubiläumsjahr 1983 – 500 Jahre nach seiner Geburt – hat uns noch einmal gezeigt, wie schwierig auch hier sein Erbe festzuhalten und zugleich weiterzuführen ist.

II. Die besondere Prägung 2017!

Schon vor einiger Zeit hat uns der Historiker Hartmut Lehmann gemahnt, wir hätten heute für ein solches „Jubiläum“ die hohe Chance, eine Fülle anderer dringlicher und schon lange verdrängter Themen zu behandeln. „Das Fazit: Alle bisherigen Lutherjubiläen waren in hohem Maß politisiert. Luthers Leben und Werk wurden benutzt, um politische und kirchenpolitische Anliegen zu artikulieren ... Wie kann man da der Gefahr einer neuerlichen Instrumentalisierung Luthers im Jahr 2017 begegnen?“ Er nennt bereits 2008 dafür fünf Themenbereiche: Luthers Abgrenzung von den Täufern und anderen Richtungen innerhalb der reformatorischen Bewegung, seine Polemiken gegen den Papst und die römische Kirche, die Distanzierung gegenüber einem für Reformen offenen und zu Toleranz bereiten Humanismus, die scharfen Schriften gegen die Türken und die geradezu hasserfüllten späten Äußerungen Luthers gegen die Juden. Ich bin mir sicher, dass man von reformatorischer Seite her, weit über Deutschland hinaus (denn Luther gehört nicht nur uns Deutschen!), diese Aufgaben sieht und auch schon wahrzunehmen begonnen hat. Aber dieses Vermächtnis ist gerade im Blick auf die genannten Themen wohl mehr als ein Jahrhundertwerk.

Als das Reformationsgedenken vor gut zehn Jahren vorbereitet wurde, da hieß es noch Luther-Dekade oder Reformations-Jubiläum. Dies hat Katholiken zunächst eher etwas abgeschreckt. Die Bezeichnung „Jubiläum“ und die Konzentration auf Luther allein ließen uns zögern. Freilich war dies auch noch mit dem überkommenen problematischen Lutherbild auf katholischer Seite verbunden, so sehr die neuere katholische Lutherforschung schon länger andere Wege einschlug. Es dauerte jedoch lange, bis die herkömmlichen Klischees überwunden waren. Dafür spielten schon im 19. Jahrhundert J.A. Möhler, S. Merkle, besonders das große Werk von J. Lortz eine entscheidende Rolle. Lortz hat für diesen Durchbruch auch Formeln geprägt, die theologisch den Weg zu einer Neubesinnung frei machen und wichtige hermeneutische Prinzipien aufstellten: „Luther rang in sich selbst einen Katholizismus nieder, der nicht katholisch war“ (I,76). Positiv war wichtig, dass Lortz grundlegend in Luther die „religiöse Persönlichkeit“ betonte, ähnlich wie J. Hessen die Kategorie des „homo propheticus“, wenngleich, der etwas undifferenzierte Vorwurf des „Subjektivismus“ durch Lortz den Versuch der Neuordnung etwas trübte. Diese Situation hat neben anderen Forschungen und Ursachen auch zu den Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils im Ökumenismus-Dekret geführt. Ohne die historische Arbeit vor allem von J. Lortz, H. Jedin und ihrer Schüler, wäre ein solcher Klimawechsel gar nicht denkbar. Nun werden die Katholiken aufgefordert, die Reichtümer Christi und die Werke der Tugenden im Leben anderer Christen anzuerkennen (UR 4); außerdem wird betont, dass die Kirchenspaltungen „nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten“ (UR 3) entstanden sind. Es wäre leicht aufzuzeigen, wie dieser Wandel sich auch in vielen Äußerungen und Dokumenten der Päpste und der ökumenisch verantwortlichen Kardinäle (Kardinal A. Bea, J. Willebrands, W. Kasper) und bis in unsere Tage hinein bekundet. Es dauerte aber noch eine Weile, bis die kontrovers-theologischen Klischees durchbrochen wurden. Dafür war es notwendig, die verschiedenen Denk-, Aussagestile und -strukturen noch genauer zu beachten.

Das Reformationsjubiläum von 1967 (450 Jahre) und das Gedenkjahr von Luthers Geburt (1483) verstärkten die Umorientierung. Eine kräftige Unterstützung dieser Tendenz erfolgte durch die Lutherforschungen von Otto Hermann Pesch, ganz besonders durch die im Jahr 1967 erschienene große Studie „Die Theologie der Rechtfertigung bei Martin Luther und Thomas von Aquin, (Mainz 1967) und „Hinführung zu Luther“ (Mainz 1982). Dazu gehören sehr viele andere deutsche und internationale Studien, von denen ich vor allem jene von Peter Manns nenne mit der Zuerkennung des Titels „Vater im Glauben“ an Martin Luther, die freilich auch umstritten blieb. Otto Hermann Pesch hat dann nach weiteren Studien in seinem großen Alterswerk „Katholische Dogmatik. Aus ökumenischer Erfahrung. Die Geschichte der Menschen mit Gott“ im Gesamtumfang der drei Bände von 2.800 Seiten (Mainz 2008-2010) nochmals einen kräftigen Akzent gesetzt, der freilich noch nicht so rezipiert ist, vielleicht auch deshalb, weil der Autor 2014 verstorben ist. In diesem Kontext darf ich auch daran erinnern, dass Kardinal Jan Willebrands 1970 in Evian in bestimmter Hinsicht sogar von Martin Luther als einem „gemeinsamen Lehrer“ sprach.

III. Verstärkte ökumenische Kontexte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Zu diesem stärkeren ökumenischen Engagement verhalfen auch kräftige Bewegungen, wie die intensivere Bibelorientierung auf katholischer Seite, der Gebrauch der Muttersprache und Erneuerungen in der Liturgie, die Berücksichtigung der „Hierarchie der Wahrheiten“ (UR 11). Schon vor Ende des II. Vatikanischen Konzils, nämlich im November 1964, wurden zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem Sekretariat für die Einheit der Christen in Rom bilaterale Gespräche vereinbart. Es ging dabei um die Einsetzung eines amtlichen Dialogs. Die Teilnehmer werden offiziell ernannt. Die Kirchen als Auftraggeber haben für die entstandenen Texte Verantwortung übernommen. Es war eine „bilaterale Begegnung“, die den zielgerichteten Dialog stärkte und ihn verbindlicher machte (gegenüber dem multilateralen Dialog, der in bestimmten Situationen seine eigenen Vorzüge hat). Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Exegese und der Geschichtswissenschaften wurden bewusst stärker ins Spiel gebracht. Sie werfen vor allem ein neues Licht auf die traditionellen Kontroversen und ergeben somit auch eine neue Sicht auf die konfessionellen Unterschiede. Dies hat schließlich auch zur Konsequenz, dass man die herkömmliche theologische Begrifflichkeit nicht unreflektiert weiter benutzt, sondern dass man sie gerade von den genannten methodischen Neuzugängen her hinterfragt (z.B. Koinonia, Ordination).

Dies hat zum Vorteil, dass sich eine gewisse Starrheit der bisherigen kontroversen Themen öffnet. Dies führt zu einzelnen neuen Schritten des Verstehens. Zugleich erweitert sich die Art der vor allem gemeinsamen Meinungsbildung. Es gibt so durchaus Ausführungen, die echte Konsensaussagen sind. „Aber daneben gibt es Fragenbereiche, in denen man nicht mit runden Konsensaussagen, also gleichsam unisono redete, wohl aber zu dem Ergebnis kam, dass hier in verschiedener Weise auf beiden Seiten dieselbe Grundüberzeugung vertreten wurde, dass die verschiedenen Aussagen sachlich äquivalent waren, dass sie sich aufeinander zubewegten, zumindest aber nicht auf einen trennenden Gegensatz hinausliefen“. Der sogenannte Malta-Bericht spricht hier von „weitreichender Übereinstimmung“ (Nr. 8, 26, 28), von „sachlicher Konvergenz“ (Nr. 59) oder auch einfach von „Konvergenz“ (Nr. 25). Damit vollzog sich eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen den verschiedenen Positionen. Es gab einen „Umschlag vom Dissens zur Konvergenz“. Dabei bleibt natürlich die Frage, wie man die verbleibenden Unterschiede wertet. Es entsteht vor allem das Problem, ob Konvergenzen über die Trennungen hinwegführen können und trotz Differenzen eine  gewisse Tragfähigkeit für eine kirchliche Gemeinschaft schaffen. Etwas später wird man diese Frage noch deutlicher dadurch beantworten, dass man kirchentrennende Unterschiede von legitimen Verschiedenheiten unterscheidet. Immerhin werden im „Malta-Bericht“ (Nr. 8) Themen behandelt, die in diese Richtung zeigen, z.B. die „Möglichkeit einer gegenseitigen Anerkennung der kirchlichen Ämter“ (Nr. 63-64) und „schon jetzt … gelegentliche Akte der Interkommunion“ (Nr. 68-74, bes. 73). So zeigt sich, - auch wenn diese Möglichkeiten nicht realisiert werden konnten, dass man es für möglich hielt, trennende Gegensätze durch „Konvergenzen“ zu überwinden und zu Schritten auf dem Weg der Verwirklichung kirchlicher Gemeinschaft zu gelangen.

Man muss heute bedenken, wie früh dieser Dialog zu ersten Ergebnissen kam. In einem Text vom Mai 1971, der auch bald gemeinsam angenommen wurde, heißt es in Nr. 8: „Alles in allem sind die Mitglieder der Studienkommission der Überzeugung, dass sie im Rahmen ihres Themas eine bemerkenswerte und weitreichende Übereinstimmung erzielt haben. Diese Übereinstimmung erstreckt sich nicht nur auf das theologische Verständnis des Evangeliums, seiner grundlegenden und normativen Bedeutung für die Kirche, seiner christologischen und soteriologischen Mitte, sondern auch auf eng damit verbundene und durchaus wesentliche Punkte der Lehre die bislang kontrovers waren. Einige dieser Fragen bedürfen ohne Zweifel noch weiterer Klärung.“ Dazu gehört auch die am meisten überraschende Aussage, dass „heute sich in der Interpretation der Rechtfertigungslehre ein weitreichender Konsens abzeichne“ (Nr. 26, vgl. auch Nr. 28). Es sollte fast noch drei Jahrzehnte dauern, bis diese Voraussetzung wirklich durch die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ am 31.10.1999 in Augsburg eingelöst werden konnte. Die genannte Kommission hat zusätzlich einen wichtigen Beitrag „Kirche und Rechtfertigung“ (1993) geleistet. Diese Feststellung eines weitreichenden Konsenses in der Interpretation der Rechtfertigung war gewiss ein kühner Vorgriff, aber es war auch ein glückliches Wagnis. Sie hat den katholisch-lutherischen Dialog entscheidend beflügelt.

Dies soll ein Beispiel dafür sein, wie der nationale und internationale ökumenische Dialog die schon lange in kleineren Schritten erreichte Annäherung intensiviert hat und mit ein wichtiger Grund ist für die möglichen Verbesserungen in der Beziehung der Kirchen und im Verhalten der Christen.

Dies ist, wie gesagt, nur ein Beispiel für die Verstärkung und auch Fruchtbarkeit des Dialogs, der durchaus auch noch in anderen Ländern und Kontinenten Parallelen hat, auch unter anderen Konfessionen stattfindet und gewiss auch noch viele Konsequenzen hat und haben wird.

IV. Größere Nähe und drängendere Fragen

Diese Entwicklung hatte weitere Konsequenzen. Sie liegen nicht nur im Bereich der systematischen Theologie, sondern hatte auch besonders Folgen für die Zusammenarbeit auf anderen Feldern. So haben wir in Deutschland zwischen der EKD und der DBK eine größere Zahl von gemeinsam erarbeiteten Dokumenten zu Fragen der Gestaltung von gesellschaftlichen Aufgaben im Bereich der Politik, der Sozialethik und der Bioethik verabschieden können. Ich darf nur in verkürzter Form die Schrift „Gott ist ein Freund des Lebens“, den immer wieder überarbeiteten Entwurf eines „Patiententestamentes“, den sogenannten „Sozialhirtenbrief“ und andere Texte nennen. Dies erstreckt sich auch auf die Zusammenarbeit z.B. im Bereich der Caritas/Diakonie.

Es wurde schon gesagt, dass die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese und der Geschichtswissenschaften Folgen hatten für die theologische Aufarbeitung der wichtigsten Kontroversen. Im Zusammenhang des ersten Pastoralbesuches von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1980 haben beide große Kirchen die längerfristige Bearbeitung eines Projektes mit der Grundfrage beschlossen, ob die Lehrverwerfungen des 16. Jahrhunderts den heutigen Partner noch treffen. In sechs Jahren haben über 50 Theologen auftragsweise diese Frage untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass viele Differenzen nicht kirchentrennend sind, nicht wenige Unterschiede vielmehr Ausdruck verschiedener Stile und Denkformen, gewiss auch Glaubenskulturen verschiedenen Zuschnitts sind, aber nur wenige heute noch kirchentrennende Verschiedenheiten gegeben sind. Wir haben alle Ergebnisse mit Kommentaren veröffentlicht. Die Aufgabe hatte der seit 1946 existierende Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen übernommen.

Natürlich gibt es notwendigerweise neue Fragestellungen, die wir erst noch angehen müssen. Dies ist zunächst auch den einzelnen Forschern für ihre persönliche Entscheidung freigestellt. Hier geschieht sehr vieles, was ich jetzt nicht näher verfolgen kann. Aber es gibt auch Fragestellungen, die man nicht als Kirche einfach übergehen kann. Sie müssen eine amtlich rezipierte Antwort bekommen.

V. Gemeinschaft und Verbundenheit in einem umfassenden Überlieferungszusammenhang

Als katholischer Theologe und Bischof liegt mir eine noch weithin wenig beachtete Perspektive am Herzen, die teilweise mit den eben genannten Aufgabenstellungen einhergehen mag. Wir haben viel gehört und hören es immer wieder, dass der reformatorische Aufbruch in die Nähe des Beginns der Neuzeit und der Moderne gehört, wenngleich man damit nicht den ganzen Luther trifft. Es wird jedoch höchste Zeit, dass wir im Interesse einer wahrheitsgetreuen Deutung den tiefen Zusammenhang Luthers mit der ganzen Geschichte der einen, heiligen, katholischen (christlichem oder allgemeinen) und apostolischen Kirche stärker in ihrem Gewicht betrachten müssen.

Wir sind nicht nur durch die Bibel (und über sie mit dem Judentum) und durch die großen Glaubensbekenntnisse sowie die Konzilien der Alten Kirche tief miteinander und eben auch den Ostkirchen verbunden, sondern auch durch die oft beschämend gescholtene und unbekannte mittelalterliche Welt enger geeint, als uns manche Polemik zu denken übrig lässt. Ich nenne nur einige Themen: das Vermächtnis des hl. Augustinus für alle späteren Kirchen, die tiefe Beziehung zwischen dem hl. Bernhard und Martin Luther. Es ist ein wichtiger Schritt in dieser Richtung, wenn uns in jüngster Zeit die tiefe Verbindung mit der Mystik des Mittelalters und dem monastischen Erbe bei Luther durch die Forschung neu vor Augen geführt wird, und zwar nicht nur historisch. Dies hat auch ganz praktische Dimensionen. Es geht auch darum, wie die reformatorische Bewegung und die spätere lutherische Kirche z.B. durch die Übernahme katholischer Kirchen, Klöster und Kircheneinrichtungen bis heute in einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit an die katholische Welt angeknüpft haben. Ich habe dies immer wieder z.B. in Lübeck gesehen. Ich denke aber auch z.B. gerade auch an das sogenannte Abendmahlsgerät, das ja nicht selten einfach übernommen worden ist und seine verborgene ökumenische Dimension. Wir trinken das heilige Blut aus denselben Kelchen. Es gibt aus der Reformationszeit nicht nur die zertrümmerten Marienstatuen, sondern es gibt eine erstaunliche Kontinuität, die wir aber noch nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht haben, und damit eine oft tief verborgene Katholizität.

VI. Gelebte Kirche und Konfessionalisierungsprozess

Luther selbst hatte noch ein sehr tiefes Bewusstsein von der Selbigkeit und Kontinuität der Kirche als geschichtlicher Größe und als lebendiger Zusammenhang, auch wenn das Verständnis der Kontinuität nicht einfach identisch mit der katholischen Sicht war. Dies gilt besonders für die umstrittene Konzeption der Tradition in der Kirche (vor allem im Verhältnis zur Schrift), aber auch der Apostolischen Sukzession – Themen, die im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen in den letzten Jahrzehnten im Vordergrund standen. Vielleicht hängt es doch auch damit zusammen, dass vor allem die skandinavischen Kirchen – und hier besonders Finnland – dieses „Stehen in einem umfassenden Überlieferungszusammenhang“ stärker bewahrt haben als die meisten zentraleuropäischen Kirchen. Ähnliches gilt wohl für die anglikanische Kirche.

Es gibt aber auch im Leben Luthers selbst einige beachtenswerte Züge und Umstände, die uns in diese Richtung lenken. Ich will deshalb aber keine rückwärtsgewandte Geschichtsromantik betreiben. Wir stehen nicht mehr 1483-1546, der Lebenszeit M. Luthers. Aber: Martin Luther ist schließlich in der einen und selben katholischen Kirche geboren und gestorben. „Er ist gestorben in dem gleichen Glauben, in dem er gelebt und gehandelt hatte. In dem Glauben der einen katholischen Kirche, die es nach seiner Meinung – und nach der des apostolischen Glaubensbekenntnisses – nur gibt und um deren katholische Reform es ihm ging.“ Dessen blieb Luther sich bei aller Polemik bewusst. Luther hat ja auch nicht daran gedacht, eine neue, zweite Kirche neben der alten zu schaffen. Es ist gut, dass seit Jahren von den Historikern der länger unterschätzte „Konfessionalisierungsprozess“ genauer erforscht wird, den jedenfalls die wichtigsten Theologen und Kirchenleute so nicht wollten. Aber es gab ja, z.B. im Blick auf den Besitz der alten Kirche, von verschiedener Seite viele andere Begehrlichkeiten, nicht zuletzt auch beim Adel und den Reichsstädten – die berühmten „nicht-theologischen Faktoren“.

Manche bestreiten ja, dass es „die“ Reformation überhaupt gebe. Wir haben im Jahr 2009 zum 500. Mal den Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvin (10. Juli 2009) begangen. Der Calvinismus ist ja eine andere, stärker transnationale Gestaltungskraft des neuzeitlichen Europa. Die Anfragen in dieser Hinsicht vor allem von Heiko A. Oberman sind nicht von der Hand zu weisen und – wie mir scheint – in vielem unbeantwortet.

VII. Gesinnung der Umkehr und Sehnsucht nach Reform

Bei einer solchen Erweiterung und moderaten Revision unseres bisherigen Wissens muss man noch auf einige weitere Erkenntnisse verweisen. Wir haben oft ein zu einseitiges Bild von der „Verkommenheit“ der spätmittelalterlichen Kirche. Dieses Schwarz-Weiß-Bild ist gegenüber der Wirklichkeit, wie sie uns heute wenigstens in großen Zügen vorliegt, viel zu simpel. Auf der einen Seite ist von katholischer Seite nicht alles schon klar, wenn man auf die Bemühungen der innerkirchlichen Reformbewegungen verweist. Aber man darf diese vielgestaltigen Initiativen auch nicht verschweigen.

Ich möchte vor allem auch für das Papsttum selbst z.B. auf die Gestalt des Papstes Hadrian VI. hinweisen (1522-1523). Leider war ihm nur eine sehr kurze Regierungszeit vergönnt, aber sein freimütiges Bekenntnis vom 25. November 1522 über „die Krankheit der Kirche an Haupt und Gliedern“ gibt heute noch zu denken: „Wir haben also die höchste Würde auf uns genommen, nicht um unserer Herrschsucht zu frönen oder unsere Verwandten reich zu machen, sondern um Gottes Willen zu gehorchen, seine entstellte Braut, die katholische Kirche, zu reformieren, den Unterdrückten zu Hilfe zu kommen und die Gelehrten und Tugendhaften, die schon lange unbeachtet geblieben sind, aufzurichten und auszuzeichnen – kurz: um alles zu tun, was ein guter Papst und ein rechtmäßiger Nachfolger des seligen Petrus tun muss. Natürlich darf sich niemand wundern, wenn wir nicht alle Irrtümer und Missbräuche sofort beseitigen können. Die Krankheit hat sich im Laufe der Zeit so tief eingefressen, dass man, um sie zu heilen, nur mit größter Behutsamkeit vorgehen darf und nicht nur ein, sondern viele verschiedene Mittel anwenden muss. Dabei muss man aber als erstes den größeren und gefährlicheren Übeln begegnen, damit wir nicht vor lauter Eifer, alles auf einmal zu reformieren, alles erst recht in Unordnung bringen.“ Die vielen Reforminitiativen in zahlreichen spirituellen Bewegungen, Ordensgemeinschaften, aber auch unter Bruderschaften und Laien, bilden eine stärkere Korrektur unseres bisherigen Bildes, das freilich auch sehr von dem Misserfolg der Reformen geprägt ist. In diesem Sinne darf man auch den Spruch am Grab von Papst Hadrian VI. in S. Maria dell’Anima in Rom verstehen. Wie unversöhnt dabei die Lage war, zeigt sich an der Antwort Luthers an das Schuldbekenntnis Hadrians. In einem wenig freundlichen Pamphlet sah er in dem Papst nur einen Esel, aus dem der Satan redet. Umso einleuchtender ist die nachdenkliche Inschrift auf dem Monument: „Wehe, wieviel kommt es doch darauf an, in welche Zeit auch des trefflichsten Mannes Wirken fällt.“ Gewiss ist die Pluralität, Gegensätzlichkeit und vielleicht auch Zwiespältigkeit vieler Reformbewegungen unübersehbar. Auch Hadrian VI. scheitert im Übrigen auf seine Weise.

Doch es gibt besonders auch in den Ordensgemeinschaften viele spirituelle Initiativen zur Kirchenreform. Nicht wenige traditionelle geistliche Gemeinschaften wissen um die Abweichung von ihren Idealen. Die Reform war stets ihr Anliegen. Jetzt geht es bei vielen um die „Reform der Reform“. Man denke hier nur an die Zisterzienser, aber auch die Franziskaner. Die „Nachfolge Christi“ und ihre Bewegung am Niederrhein gaben immer wieder Anstöße zur Umkehr. Vieles lässt sich immer wieder gegensätzlich beobachten: Es gibt Tendenzen der Zentralisierung und der Dezentralisierung der Kirche, es gibt eine äußerliche Religiosität, aber auch den Weg „nach innen“, es gibt eine klerikale Kirche und eine tiefe Laienreligiosität. Die Polarität ist unübersehbar, man kann die Pole aber nicht einfach gruppenspezifisch aufteilen. Es gibt ein spannungsvolles, äußerst vitales Neben- und Gegeneinander unterschiedlicher Tendenzen, die das späte Mittelalter prägt. „Aus ihm wuchs in einem komplexen Transformationsprozess die Reformation heraus: Mit vielem brach sie, vieles aber führte sie auch fort und intensivierte es.“Neue Wege kamen hinzu, die durchaus zur Kirche führten, mindestens aus ihr kamen. „Die Entwicklungen in Europa liefen alles andere als parallel. Aus deutscher, zumal protestantischer Sicht, gilt die Reformation als großer Einschnitt, mit dem das Mittelalter an sein Ende kam. Weitet man den Blick auf Italien, so sind hier schon viel früher, in der Renaissance, Neuanfänge zu greifen. Und wie bei der Reformation, so wird auch hier diskutiert, ob der Bruch mit dem Mittelalter tatsächlich so stark ist, wie es etwa Jacob Burckhardt im 19. Jahrhundert proklamiert hatte, oder ob nicht eher von einem allmählichen Herauswachsen aus dem Mittelalter zu sprechen ist.“ Vergessen darf man nicht, was U. Köpf am Ende seines schon angeführten Beitrags zum Einwirken der monastischen Tradition urteilt, dass hier „ein weitläufiges Forschungsgebiet (ist), das noch längst nicht hinreichend bearbeitet ist.“

Dies alles wäre im Einzelnen darzulegen. Aber die Ausstellung, die hier eröffnet wird, zeigt auf ihre Weise, wie bunt und vielfältig diese Situation heute von den Wissenschaften eingeschätzt wird. Vieles muss auch noch genauer geklärt werden, so z.B. die Einschätzung und Beurteilung der Reformation in Rom, und der gesamten Situation in der „Ewigen Stadt“.

VIII. Neue Verhältnisbestimmung zwischen Spätmittelalter und Reformationszeitalter

In den letzten Phasen der Forschung ist der oft vorherrschende pure Gegensatz zwischen Spätmittelalter und Reformationszeit an vielen Stellen überwunden und differenziert worden. So haben wir ein neues oder wenigstens modifiziertes Bild im Verhältnis der mittelalterlichen Vorzeit zum Reformationszeitalter. Nur stichwortartig kann ich darauf hinweisen, wie dies herausgearbeitet worden ist in Bezug auf die beiden schon erwähnten Größen Mönchtum und Reformation. Dies gilt gerade auch für Martin Luther und die monastische Existenz. So spielt das Verhältnis der Reformationszeit zu Bernhard von Clairvaux schon länger eine bedeutsame Rolle. Es gibt viele Aussagen über die Wurzeln reformatorischen Denkens in der monastischen Theologie. Dies gilt auch für Darstellungen und Sammlungen der Gebete Luthers und der Spiritualität in ihnen. Diese grundsätzliche Beschäftigung mit den Quellen von Luthers Theologie, vor allem in der spirituellen Tradition, hat sich im Lauf der letzten Jahrzehnte an vielen Stellen mit Themen beschäftigt, die früher weitgehend außer Beachtung und Reichweite waren: Die spätmittelalterliche Theologie ist längst nicht so dekadent, wie man lange glaubte (vgl. die Forschungen von V. Leppin über Ockham usw.). Besonderes Interesse gilt in letzter Zeit dem Verhältnis Luthers zur Mystik, und hier besonders zu Tauler und Meister Eckhart.

So hat man auch in den letzten Jahren die „Reformationstheorien“ neu durchdacht und auch von den konkreten Forschungen her eine Revision der Kategorien eingeleitet. Ich denke besonders an die Arbeiten von B. Hamm. Dabei kommt es auch zu großen Überraschungen. So beschreibt z.B. B. Hamm tiefgreifende Gemeinsamkeiten zwischen der spätmittelalterlichen Ablassverkündigung und der reformatorischen Gnadenbotschaft. Bruch und Kohärenz bilden zwei Seiten derselben Geschichte vor und nach 1517. Dies ist eine geradezu unerhörte Sprache und zeigt, wie vieles sich gewandelt hat. B. Hamm hat dafür den sonst naturwissenschaftlich und systemtheoretisch gebrauchten Begriff „Emergenz“ in die Debatte gebracht, um die Kohärenz und die Divergenz gerade in ihrer Ambivalenz zum Ausdruck zu bringen, wobei durchaus Sprünge und Brüche mit dazugehören. Diese Ideen bedürfen gewiss noch der Klärung und Fortführung, sind jedoch wichtige Bausteine für das notwendige neue Bild.

Diese Einsichten erlauben auch eine neue Beschäftigung mit der Gliederung der Reformationsgeschichte und mit der Beschreibung einzelner epochaler Einschnitte. Dabei geht es vor allem auch um die Ausdifferenzierung, ja sogar Entstehung der unterschiedlichen Konfessionen. Hier hat in der Forschung der Begriff der „Konfessionalisierung“ eine große Bedeutung erhalten. Ernst Walter Zeeden hat den Begriff aufgegriffen zur Kennzeichnung der Epoche von der Reformation bis zum Westfälischen Frieden. Dies ist nicht nur eine Frage der Nomenklatur und der Etiketten, sondern dies ist auch ein theologischer Prozess und zugleich ein Wendepunkt, weil damit eben doch – wenn auch vielleicht wenig beabsichtigt – die eine Kirche verlassen, aufgegeben oder mindestens bis zu ihrem Identitätsschwund modifiziert wird, jedenfalls im Verständnis der „Altgläubigen“.

IX. Martin Luthers „Ort“ in Theologie und Kirche

Schließlich geht es um den Sinn des Wortes Kirche. Luther hatte nicht die Absicht, eine eigene Kirche zu gründen. Auch wenn die Reformation in der einen Kirche gescheitert ist, so hielt Luther dennoch an der Einheit und Katholizität der Kirche fest. Seine Aussagen über den Willen zur Kontinuität in der Kirche sind nach meinem Dafürhalten noch nicht genügend ernstgenommen worden, weder von den Katholiken noch von Lutheranern. Dennoch bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Reformation den ersten Bruch der apostolischen Überlieferung im Bereich des westlichen Christentums darstellt. Sind hier nicht doch – fast gegen den eigenen Willen – mindestens in den Folgen die tragenden Verbindungen zur gesamten Kirche sehr schwach geworden? Was bedeutet die Geschichte der alten und auch der mittelalterlichen Kirche theologisch überhaupt für Luther und die Lutheraner? Was für ein Geschichtsbewusstsein hat eine Gemeinde, die z.B. ein Gotteshaus aus der Zeit der Romanik und der vorreformatorischen Gotik zu ihrem Erbe zählt?

Luther hat für sich nie die Autorität beansprucht, die er faktisch erhalten hat. Er muss nicht nur aus einer vielfachen neuzeitlichen Wirkungsgeschichte mit ihren politischen, nationalen und konfessionellen Implikationen, sondern er muss nicht minder auch im Blick auf die ganze Geschichte der Kirche aus einer gewissen Isolierung befreit werden. Kein Theologe – und sei er noch so groß: auch Augustinus und Thomas von Aquin nicht – hat im Gesamtzeugnis der katholischen Kirche eine so hohe Vorrangstellung erhalten. Selbst dem großen „Lehrer der Gnade“ Augustinus ist die Kirche an entscheidenden Punkten nicht gefolgt. Noch wichtiger als die bloße Gefolgschaft für einen großen Lehrer ist das stets neue Hinhören auf alle Zeugen des Glaubens. Wäre es nicht an der Zeit, für Katholiken und für evangelische Christen je auf ihre Weise, das Ereignis „Luther“ stärker in die gesamtkirchliche Tradition hineinzustellen, noch mehr als es Teile des skandinavischen und nordamerikanischen Luthertums schon immer getan haben? Der ganze Luther im Chor der unverkürzten Glaubensgeschichte der einen Kirche kann durchaus für den Katholiken eine geradezu prophetische Bedeutung bekommen. Es scheint mir, dass er unter dieser Bedingung ein „Zeuge des Evangeliums“, ein „gemeinsamer Lehrer“, vielleicht sogar ein „Vater im Glauben“ (nicht: Vater des Glaubens) werden kann. Kann sich ein gewisser Ur-Protestantismus, der sich prinzipiell gegen eine solche gesamtkirchliche Integration verschließt, mit Fug und Recht auf Martin Luther und das Augsburgische Bekenntnis berufen? Ist eine abstrakte Formulierung und Isolierung einseitiger Aussagen auf die Dauer ökumenisch haltbar? Protest und Korrektiv allein können nicht genügen, um eine Kirche Jesu Christi sein zu können. Beide haben eine unentbehrliche Funktion, bedürfen jedoch selbst der umfassenden Fülle. Theologische Höhe darf man nicht unter Preis verkaufen und billig heruntersetzen: Reformation ist nicht nur eine Chiffre zu einem Imperativ „Die Welt verändern“ oder „immer wieder neue Aufbrüche wagen.“ Es geht um Wahrheit des Glaubens und Theologie.

Diese Fragen sind nicht nur an Martin Luther und das nach ihm benannte reformatorische Kirchentum gestellt. Sie lassen sich auch nicht von katholischer Seite mit einem simplen Rückgriff auf herkömmliche Aussagen zureichend beantworten. Diese Anfragen sind eine Provokation für alle Kirchen heute. Mit Recht fragt darum V. Leppin in seinem Beitrag „Wie reformatorisch war die Reformation?“ Wie „reformatorisch“ ist die lutherische Kirche noch?

X. „Ketzer“ oder Heiliger

Einer weiteren naheliegenden Rückfrage darf nicht ausgewichen werden: Ist Luther noch ein „Ketzer“? Das Wort kommt einem kaum mehr über die Lippen. Nicht nur und zuerst aus Höflichkeit, sondern weil es in ernstgenommener und in seiner herkömmlichen Bedeutung jedes Gespräch rasch abbricht. Darum vor allem meidet man es heute, ganz abgesehen von den zahlreichen emotionalen Einfärbungen. Das Wort taugt jedenfalls nicht mehr, um die ganze Haltung und Stellung der katholischen Kirche zu Martin Luther zu umschreiben. Er ist in unserer Theologie und in unserem kirchlichen Leben auf vielfältige Weise anwesend. Nicht zu Unrecht hat man gesagt, Martin Luther sei beim II. Vatikanischen Konzil ein ständiger unauffälliger Gast gewesen. Aber das schwierige Wort vom „Ketzer“ weist auf einen Streit um die Wahrheit hin, für den die Väter und Mütter im Glauben ihr Leben einsetzten. Wir sind dem streitbaren Theologen Martin Luther vor allem schuldig, dass wir diese Herausforderung zur Suche nach religiöser und theologischer Wahrheit annehmen und – auch in der Ökumene – nicht in bequeme oder bloß pragmatische Lösungen ausweichen, die auf die Dauer ohnehin nur enttäuschen. Das Wort vom „Ketzer“ erinnert uns daran, dass es zwischen Lutheranern und Katholiken um die Frage nach der Wahrheit geht und dass wir im Wettstreit um ihre Erkenntnis einander nicht nachstehen. Vielleicht könnten wir das Wort vom „Ketzer“ eines Tages ganz hinter uns lassen, wenn es uns geschenkt wäre, die unbestreitbar große Glaubensgestalt Martin Luther noch viel mehr im vielstimmigen Chor der Zeugen des Evangeliums zu sehen und so die Notwendigkeit, seine Größe und die Not seiner Sendung neu zu sehen und zu verstehen. Ein solcher Traum wäre nicht weit entfernt von der Wirklichkeit der einen Kirche.

XI. „Umkehr“ als erstes Gebot des Ökumenischen Weges

Sie haben mich mit der Frage eingeladen, warum und wie Katholiken das Reformationsgedenken 2017 mitbegehen können. Durch meine Worte wollte ich Ihnen zu erklären versuchen, warum wir dieses Gedenken mitbegehen können und warum ich hier bin. Das Wort „feiern“ möchte ich für mich selbst eher zurückstellen, da ich zwar das Leid und den Schmerz vergeben will, aber nicht einfach vergessen kann. Deswegen gehört zu unserem „Gedenken“ auch die Bitte um Verzeihung und Versöhnung. Wir haben gesehen, wie viele Änderungen und neue Einsichten uns dabei zur Seite stehen. Im Ganzen glaube ich darum, auf die Frage der Beteiligung eine klare Zustimmung zur katholischen Teilnahme sagen zu dürfen und darum auch zu müssen. Was ich erklärt habe, wird von einer großen Mehrheit in unserer Kirche geteilt. Es findet sich – gewiss in verschiedener Form - auch in den Botschaften und Dokumenten von den Päpsten bis zu Bischofskonferenzen. In dem kleinen Buch von Walter Kardinal Kasper, Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive, findet man alles nochmals sehr gut zusammengefasst.

Der zweite Teil der Frage wie wir das Reformationsgedenken mitbegehen, ist noch nicht direkt beantwortet. Aber es ist indirekt schon vieles zum Ausdruck gekommen. Ich möchte jedoch am Ende wenigstens ganz kurz eine kleine Antwort zur Sprache bringen. Wir können auf vieles zurückblicken und einbringen. Aber wir müssen gegenüber Gott und auch uns selbst gegenüber gemeinsam immer von vorne anfangen, nämlich mit dem Evangelium, das den ersten Rang hat. Es ist relativ leicht, mit dem Evangelium -  nicht einfach mit menschlichen Bestrebungen -, von vorne anzufangen. Beginnen wir, wenn wir schon das 500-jährige Reformationsgedenken begehen mit der ersten Aussage auf dem Plakat mit den 95 Thesen Martin Luthers zur Frage des Ablasses.

Diese erste These ist von grundlegender Bedeutung für unser gemeinsames Christsein und lautet: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ (Mt 4,17 usw.), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte.“ In unseren beiden neuen Ausgaben der Übersetzung der Schriften des Alten und Neuen Testaments, also auch der Worte Jesu selbst, die auch den Anfang seines öffentlichen Wirkens bezeugen, heißt dieser Aufruf Jesu trotz verschiedener revidierter Ausgaben in einer fast gemeinsamer Sprache: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Lutherbibel 2016), „Kehrt um! ‚Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Einheitsübersetzung 2016). Oder eine Art bibelnaher Synthese dieser Übersetzungen in der revidierten Zürcher Bibel (2007): „Kehrt um! Denn nahegekommen ist das Himmelreich.“

Christentum und Kirche werden darum in allen Epochen den „Weg“ gehen, der ihnen aufgetragen ist. Dazu gehört auch der gemeinsame Weg der noch nicht vereinten, aber einander näher gekommenen Christen."

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