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  • 21.12.2016
  • von Bernd Matthies

Berlin nach dem Anschlag: Eine Stadt bewahrt Fassung

von Bernd Matthies

Stille Anteilnahme. Am Tag danach kamen viele Menschen an die Gedächtniskirche, legten Blumen nieder und stellten Kerzen auf zur Erinnerung an die Opfer. Foto: imago

Es geht so schnell: Ein Moment des Innehaltens nach dem Schrecken – schon macht Berlin, das so viel erlebt hat, einfach weiter. Und trotzt dem Terror.

Innehalten. Stille. Wissen, dass dieses Berliner Weihnachtsfest anders sein wird als alle davor. Die abstrakte Erkenntnis, dass die Stadt wie jede andere Metropole des Westens im Fokus von Terroristen steht, eine Erkenntnis, die wir uns mit unrealistischen Hoffnungen vom Leib gehalten haben, ist konkreten Fakten gewichen: 19. Dezember 2016, 20 Uhr 02. Dazu dann doch wieder neue Unsicherheit: Drohen erneute Anschläge, warten da noch andere Terroristen darauf, möglichst viele Menschen mitzureißen in die Verblendung des Märtyrertods?

Es ist allerdings so: Sie haben sich die Falschen ausgesucht. Mit einem gewissen Zynismus ließe sich sogar sagen, dass die Stadt, unsere Stadt, ihre Stärke gerade an dieser Katastrophe zeigt, weiter zeigen muss und wird. Polizei, Feuerwehr, Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern und viele andere haben demonstriert, wie sich eine solche Großlage ohne Panik bewältigen lässt, haben auch bewiesen, dass das allfällige Klagen über Personalmangel, Geldknappheit und bürokratische Hindernisse jedenfalls nicht bedeutet, dass nicht im Ernstfall jeder auf seinem Posten steht und tut, was getan werden muss. Das zu wissen ist gut als Mittel gegen Angst und Verzweiflung angesichts der sicheren Tatsache, dass es, irgendwann, ein nächstes Mal geben wird.

Wenn aus Ignoranz selbstverständliche Gelassenheit wird

Wir Berliner, nun ja. Mancher mag seinen Tag danach nach der Parole gestrickt haben, die wir hier praktisch erfunden haben: „Mir doch ejal.“ Und was soll einem schon passieren, der sich von großen Menschenansammlungen fernhält, der sein Leben zwischen Bettdecke und Späti so unauffällig wie möglich gestaltet, der praktisch im Kiez versteckt bleibt? Doch wer so handelt, der tut im Grunde nichts anderes als das, wozu wir anderen, die aufgeschlossenen, empathischen Weltbürger, die wir sein wollen, uns nun halt einfach zwingen müssen: Weitermachen!

Es geht ja, manchmal sogar besser, persönlicher. Denn auch das ist Berlin am Morgen danach: Die sonst so mürrische Bäckerin herzt das Kleinkind eines Kunden ausführlich und sagt liebevolle Worte, die man von ihr nicht erwartet hätte. Beim Einkaufen wünscht die Verkäuferin am Schluss: „Eine entspannte Woche noch.“ Es könnte Ignoranz sein – aber wir hören es ganz selbstverständlich als liebenswerte Gelassenheit; schließlich kann der Rest der Woche auch kaum noch schlimmer werden.

Weihnachten kaputt machen lassen? Nicht mit uns!

In der Einkaufspassage sitzen fünf Kunden auf Massagestühlen und lassen den Tag ruhig angehen. Einer liest ein dickes Buch, ein anderer spielt ein Geduldsspiel auf dem Smartphone. Zwei Handwerker am Kaffeetisch nebenan unterhalten sich über ihren Auftrag an diesem Morgen, als sei nichts passiert. In jedem Laden wünschen sie einem an diesem Morgen „Fröhliche Weihnachten“ oder „Schöne Feiertage“, man hört es als wärmende Dreingabe, obwohl es auch einfach das Ritual der Woche vor dem Fest sein mag.

Der Nachbar, der einen sonst kaum anguckt, sagt im Vorbeigehen „Guten Morgen“. Und im Buchladen nebenan, der zu früher Stunde schon gut besucht ist, hat man ein Schaufenster mit Berlin-Büchern dekoriert. Eines mit Arbeiten einer Plakatkünstlerin fällt ins Auge, das dort zwar schon ein paar Tage präsentiert wird, aber erst jetzt ins Bewusstsein drängt: Sein Titel: „Hass ist krass. Liebe ist krasser.“

Es steckt ein enormes Beharrungsvermögen in dieser Stadt, die alte, bei den Eingeborenen schon nahezu genetisch verankerte Erfahrung, wie man weiterlebt in üblen Zeiten, Luftbrücke, Mauer, atomare Bedrohung – und dass es danach auch wieder besser geht, eine Weile, ein paar Jahrzehnte, wie auch immer. Weihnachten kaputt machen lassen? Nicht mit uns!

Zusammenhalt auf kleinen Bildschirmen

Wer den Vormittag danach in einer der endlosen Schlangen vor den Paketannahmestellen verbrachte, der hatte damit schon den Beweis, dass die familiären Beziehungen nicht leiden würden, es wurde gewartet und gegrummelt und vorgedrängelt wie immer. Alle irgendwie um kuschelige Nähe bemüht? Von wegen. Und auch das Klischee, dass in solchen Situationen die Menschen über eben diese Situationen reden, bewahrheitete sich einmal mehr eben nicht: Was gibt es da auch zu reden? Schrecklich? Ja, schrecklich. Heute erwarten wir die wichtigen Informationen ohnehin nicht mehr vom Taxifahrer oder Frisör, sondern aus den Handys, die scheinbar jeder in der Tasche hat.

Was kein Grund zum Kulturpessimismus ist. Schon am Abend der Katastrophe konnte, wer mochte, den Zusammenhalt von Freunden und Familien gerade auf diesen kleinen Bildschirmen fühlen, lesen. Die Telefone klingelten, sorgenvoll wurde nachgefragt aus aller Welt. Und die sozialen Netze, voran das vielgescholtene Facebook, verknüpften uns noch dichter mit unseren mehr oder weniger vertrauten Freunden. Die Seite „Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin“ hätte keinen unterkühlteren Titel tragen können, aber sie bot genau das Forum, das so viele brauchen, jeder Berliner Nutzer konnte sich als unbeschadet melden – und erfuhr vielfältige Resonanz.

Dass dann zwischen all diesen persönlichen und offiziellen Botschaften plötzlich eine Werbeanzeige aufploppte mit der Botschaft, wenn man auf den Weihnachtsmärkten nicht das richtige Geschenk gefunden habe, solle man doch einfach zu XY kommen – das tat weh. Aber dieser unbeabsichtigte Zynismus öffnete auch wieder den Blick auf eine Gesellschaft, die sich offen gibt auch im Moment der Trauer, und die damit das Gegenteil des geschlossenen religiösen Wahnsystems darstellt, dessen Attacken wir gegenwärtig weltweit ertragen müssen.


Berlin - tragödienerprobt, aber nicht unbeeindruckt

Der Anschlag fand unmittelbar neben der Gedächtniskirche statt, das ist ein Zeichen dafür, dass der Täter nicht nur einen bösartig optimierten Plan, sondern auch ein Gefühl für die verwundbarsten Stellen der christlich geprägten westlichen Gesellschaft hatte. Aber nicht nur deshalb rücken die Kirchen nun abrupt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Weniger, weil die dem aberwitzigen Geschehen Sinn verleihen könnten, aber doch als spiritueller Fluchtpunkt und als Trostquelle.

Ganz sicher haben sämtliche Berliner Pfarrer am Abend der Katastrophe ihre schon fertig konzipierten Predigten umgeworfen, haben zu überlegen begonnen, wie sie auf das Unbegreifliche reagieren können, und wie sie mit Gottesdienstbesuchern umgehen sollen, die aus dem routinierten Weihnachtschristentum herausgerissen wurden und nun mehr als nur Erbauung bei Kerzenschein erhoffen. Das wird am Heiligabend eine andere Stimmung geben, die frohe Botschaft wird eine Reihe von Fußnoten ertragen, wird sich in Frage stellen und erproben lassen müssen.

Die Stärke der christlichen Kirche erwächst, eigentlich paradox, aus der Tatsache, dass sie keine Hassprediger auffahren lässt, nicht zu erneuten Kreuzzügen aufgerufen wird, wie man es auf Seiten der Islamisten sicher sehr gern hören würde. Gewiss: Im politisch-theologischen Alltagsgeschäft war von diesen Kirchen oft viel Kulturrelativismus zu hören und viel zu wenig glaubhaft verkörpertes Selbstbewusstsein gegenüber dem offensiven Drängen der Scharia-Polizisten und ihrer Imame. In der aktuellen Situation aber, die auf Spaltung und Hass zielt, liegt der evangelische Landesbischof Markus Dröge völlig richtig mit seiner Mahnung, wichtig sei es jetzt, Zusammenhalt zu zeigen mit den verschiedenen Religionen. Die Gedächtniskirche sei ein Zeichen der Versöhnung, sagte er, „wir werden jetzt versuchen, diese Botschaft der Menschlichkeit stark zu machen“.

Berlin weiß, wie man weiterlebt

Menschlichkeit, Besonnenheit, aber auch Stärke sind die Elemente der einzig möglichen Gegenstrategie – das steckt in diesen Worten. Es gibt viel zu viel zu tun in Berlin, als dass eine Lähmung der Geschäftigkeit auch nur denkbar wäre. Zufällig ist gestern die Freybrücke nach schier endlosen Bauarbeiten wiedereröffnet worden, selbstverständlich ohne die eigentlich vorgesehene Feier. Eine eröffnete Brücke ist eine Banalität, setzt man sie in Vergleich zu den zwölf Toten des Weihnachtsmarktes, und sie taugt in diesem Fall auch nicht als Symbol im Sinne höherer Bedeutsamkeit. Aber für eins steht sie doch: Berlin, die Heimat des „verwegenen Menschenschlages“, wie ihn Goethe hier beobachtet hatte, weiß wie man weiterlebt, ohne sich lähmen zu lassen, aber auch, ohne unbeeindruckt zur Tagesordnung überzugehen.

Die Spiegel-Mitarbeiterin Carline Mohr hat am Dienstag bei Twitter einen Dialog gepostet, den sie mit ihrem Vater geführt hat: „Hallo Papa, geht es dir gut?" Seine Antwort: „Ich bin 1944 im Lazarettzug am Bahnhof Zoo angekommen. Die können mich alle mal. Ich geh jetzt einkaufen.“ Das klingt nicht unbedingt empathisch, steht aber für eine Haltung, die auch islamistische Terroristen klein macht, sie zu armseligen Nebendarstellern des großen Welttheaters werden lässt, das gerade Berlin über das letzte Jahrhundert immer wieder von einer Tragödie in die andere geschickt hat.

Wenig Zeit zum Durchatmen

Der daraus folgende Ratschlag ist möglicherweise nichts für empfindliche Gemüter. Aber wie wäre es mit einem Besuch auf den Weihnachtsmärkten, die – Genaues wird sich zeigen – auch tatsächlich geöffnet bleiben? Möglicherweise stellt sich heraus, dass dort der Kommerz angesichts der tragischen Dimension des Anschlags am Breitscheidplatz ein wenig zu stark durchschlägt – aber die Betreiber werden sicher aus Rücksicht auch der Trauer und Betroffenheit Raum geben.

An diesem Jahreswechsel sind die freien Tage knapp dosiert – erst unmittelbar vor Heiligabend dürfte ein wenig Ruhe eintreten, bis es dann unmittelbar nach Neujahr wieder mit Volldampf weitergeht, immer vorausgesetzt, dass nicht noch irgendein anderes unvorhergesehenes Ereignis eintritt. Wir werden also konzentriert abspannen und uns erholen müssen. Dabei sollte auf jeden Fall noch ein Gedanke an die unzähligen Ermittler abfallen, die dieses Fest vermutlich weitgehend im Büro verbringen werden, bis endgültig feststeht, was am Montag um 20 Uhr 02 passiert ist, und wer der oder die Täter waren.

Keine Gewissheit bislang. Nur die, dass diese seltsame, mal gespaltene und dann auch wieder vereinte Stadt damit fertig werden wird. Mehr kann man nicht verlangen am Ende des globalen Katastrophenjahrs 2016.

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