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Braunkohle

  • 22.11.2016
  • von Thorsten Metzner und Alexander Fröhlich

Braunkohle in Brandenburg: Funkstille zwischen Woidke und Schellnhuber

von Thorsten Metzner und Alexander Fröhlich

Abschaltkandidat. Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber forderten das baldige Aus für das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Foto: Patrick Pleul/dpa

Potsdam gilt als internationaler Hotspot der Klimaforschung. Doch Brandenburgs Landesregierung sucht gerade zur dreckigen Braunkohle keinen Rat beim Klimapropheten Hans Joachim Schellnberg vom Telegrafenberg.

Potsdam - Er berät die Bundesregierung und die EU, gilt als einer der renommiertesten Klimawissenschaftler der Welt, auch seinetwegen gilt Potsdam „international als entscheidende Instanz in der Klimaforschung“: Nur im Land Brandenburg verzichtet man auf den Rat von Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor und Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Ich habe auch der Landesregierung angeboten, sie zu beraten. Das ist bisher ignoriert worden“, sagte Schellnhuber am Montag auf einer Pressekonferenz in Potsdam. Die Landesregierung unter dem heutigen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) spreche nicht mit ihm. Das sei unter Woidkes Vorgänger Matthias Platzeck (SPD) noch anders gewesen. Damals habe es noch Konsultationen auf höchster Ebene, etwa zur CCS-Technologie, zur unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid (CO2), gegeben. Damals hatte Schnellnhuber sogar einen Vortrag in einer Kabinettssitzung gehalten.

Über die aktuelle Woidke-Regierung sagte Schellnhuber: „In seiner so schwierigen Situation sollte man sich durchaus Rat von allen möglichen Seiten einholen, insbesondere von denjenigen, die sich seit 25 Jahren damit auseinandersetzen“, sagte Schellnhuber. Die Gründe dafür, dass der Klimaprophet bei der rot-roten Regierung im eigenen Lande weniger gelitten ist als bei der Bundesregierung und auch bei den Vereinten Nationen, liegen nahe. Schnellnhuber gilt als einer der schärfsten Kritiker der Energiepolitik, die auf die Verstromung der einheimischen, aber klimaschädlichen Braunkohle in den nächsten Jahrzehnten nicht verzichten will. Dagegen forderte Schnellnhuber am Montag erneut einen vorsorgenden, proaktiven „Kohleausstiegsplan“ so schnell wie der Atomausstieg, damit das Land in der Dekade zwischen 2020 und 2030 aus der Braunkohle aussteige. Eine Sofortmaßnahme könne das Abschalten des „vorsintflutlichen“ Kraftwerks Jänschwalde sein, und selbst dann würden in Brandenburg nicht die Lichter ausgehen.

Schellnhuber: Klimaziele sind nur mit Kohle-Ausstieg zu erreichen

„Was die Lausitz braucht, ist eine mittelfristige Modernisierungsstrategie, statt in Duldungsstarrre am Alten festzuhalten“, sagte er. „Nur mit einem vollkommenen Ausstieg aus der Kohle ist das Ziel von maximal zwei Grad Erderwärmung bis Ende dieses Jahrhunderts zu erreichen“, erklärte der Klimaforscher. „Wir müssen dann vier bis sechs Grad Erderwärmung in Kauf nehmen“, sagte Schellnhuber. Die Brandenburger Landesregierung aber setze auf eine „Steinzeit-Technologie“ und versuche den Status quo mit Verweis auf den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Das aber sei eben nicht zum Wohl der Arbeitnehmer. „Entweder macht in der Lausitz der Letzte das Licht aus in zehn Jahren und stellt sich als Letzter in die Schlange der Modernisierung oder man stellt sich an die Spitze der industriellen Transformation, anstatt einen veralteten Arbeitsplatz bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen“, sagte der Forscher.

Die Lausitz brauche eine vorausschauende Industriepolitik und habe das Potenzial, sich zum Zentrum moderner Energiespeichertechnologie zu entwickeln. Angesichts der Lage beim Weltklima hält Schellnhuber den Verweis auf die Kohlejobs auch für verfehlt: „Wenn Sie auf einem sinkenden Boot sitzen, denken Sie nicht mehr über die Qualität des Essens nach, sondern man versucht alles, um das Leck zu stopfen.“ Die Stabilisierung des Klimas müsse an erster Stelle stehen, „weil wir sonst das System Ende vollkommen verändern werden und damit unsere Zivilisation global gefährden“. Brandenburg gehöre dazu. Die Politik müsse den Menschen deshalb in der Klimapolitik ein Angebot machen und sie mitnehmen.

Braunkohle könnte mit billigeren Brennstoffen künftig nicht mehr mithalten

Schellnhuber prophezeite zugleich, dass die Tage der Braunkohle auch mit dem Verkauf der Braunkohlekraftwerke und Tagebaue an die tschechische LEAG gezählt sein werden. „Ich glaube, dass der Deal mit dem tschechischen Investor vielleicht vier, fünf Jahre tragfähig ist, höchstens vielleicht zehn Jahre.“ Grund dafür sei, dass es in den nächsten Jahren auf den Märkten ein Überangebot an billigeren, fossilen Brennstoffen wie Erdgas und Steinkohle geben werde, mit denen die Braunkohle nicht mithalten werden könne. Dann komme der Kohleausstieg zwar auch, aber auf dem Rücken der Arbeiter, warnte Schellnhuber.

Die Einwände gegen den Kohleausstieg, etwa die Versorgungssicherheit, hält Schnellnhuber für übertrieben. „Es ist nicht so, dass die Lichter in Brandenburg ausgehen würden, wenn man Jänschwalde abschaltet.“ Für eine Übergangszeit, bis der gesamte Bedarf über erneuerbare Energien gedeckt werden kann, sollte laut Schnellnhuber nach dem Kohleausstieg auf weniger klimaschädliche Gaskraftwerke zurückgegriffen werden. „Das Gas muss ja nicht aus Russland kommen.“ Vielmehr könnte Gas auch nach der bereits praktizierten Methode mittels Windrad hergestellt werden.

Brandenburg sei aber auch Vorreiter der Energiewende

Doch nicht nur wegen des PIK gilt Potsdam als ein Zentrum des Klimaschutzes in der Welt, sondern auch wegen des Instituts for Advanced Sustainability Studies (IASS), gegründet von Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU). Zwar mahnt auch Mark Lawrence, wissenschaftlicher Direktor am IASS, einen zügigen Kohleausstieg an. Brandenburgs Rolle sieht Lawrence trotzdem differenzierter. Man müsse Brandenburg auch „ein Lob in der Energiepolitik aussprechen, weil das Land ein Vorreiter beim Ausbau und der Nutzung erneuerbarer Energien sei“, sagte Lawrence. Und zumindest das IASS wird vom Wirtschaftsministerium auch in die laufende Überarbeitung der Energiestrategie des Landes eingebunden, wie es aus dem Institut heißt. Auch im Wirtschaftsministerium gebe es durchaus ein Bewusstsein für den Klimawandel, die kritische Rolle der Braunkohle und den absehbaren Ausstieg, allerdings werde es dort als sensibles Thema eingestuft. Im Klartext: Die Landesregierung scheut bei der Zukunft der Lausitz Klartext.

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