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  • 04.11.2016
  • von Sven Goldmann

Was von Mielkes Männern blieb

von Sven Goldmann

Mit Pistole und Parteibuch. Offiziersschüler des Wachregiments „Feliks Dzierzynski“ am 12. November 1989, untergehakt als Sperrlinie an der Grenze am Potsdamer Platz. Foto: dpa

Heute Technologiezentrum, früher Nachwuchsschmiede der Stasi: Doch in Berlin-Adlershof ist die Vergangenheit kaum noch zu sehen

Um kurz vor halb acht wird es still im Forum Berlin-Adlershof, einem sakralen Saal, so hoch wie ein Kirchenschiff. Ganz vorn sitzt Roland Jahn und debattiert mit Zeitzeugen über das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“, von dem ja kaum noch einer weiß, dass es hier mal residiert hat. Jahn steht der Stasiunterlagenbehörde BStU vor und wendet den Blick ins Publikum, auf einen Mann mit kurzem Haar um die 50, der sich in Reihe drei von seinem Sitz erhoben hat und zu einer kurzen Rede ansetzt. Historisches Gedenken sei ja schön und gut, aber vielleicht sollten auch mal ein paar von denen reden, die damals dabei waren. Der Mann dreht sich um und zeigt auf seine drei Nachbarn, sie sind alle um die 50, tragen das Haar kurz und dienten zu DDR-Zeiten bei „Felix“, Kürzel für das berüchtigte Regiment mit dem komplizierten Namen, berüchtigt als die Garde des Erich Mielke.

Angespannte Stille im Forum Adlershof. Man kennt das von Diskussionsveranstaltungen in der Stasi-Zentrale. Wenn Veteranen aufstehen und behaupten, alles sei doch nicht so schlimm gewesen, sie hätten doch nur den Sozialismus verteidigt und bei den Opfern handele es sich doch nur um sogenannte Opfer. Es wird also ruhig im Saal, aber der Mann in Reihe drei sagt, er und seine Kollegen stünden gern zur Verfügung für ein Gespräch darüber, wie es hier früher einmal war, denn viel ist ja nicht mehr da.

Wo sind die alten Garagen und Wohngebäude? Der Exerzierplatz, das Übungsgelände, der Munitionsbunker? Südwestlich vom Bahnhof Adlershof befand sich eine verbotene Stadt, von der alle wussten und die doch keiner kannte, ein weißer Fleck auf den Ost-Berliner Stadtplänen.

Gut 11 000 Soldaten verrichteten Ende 1989 ihren Dienst im Südosten Berlins, in unmittelbarer Nachbarschaft von DDR-Fernsehen und der Akademie der Wissenschaften. Die alten Fernsehstudios werden heute von knapp 150 Medienunternehmen genutzt. Aus der Akademie ist ein höchst erfolgreicher Wissenschafts- und Technologiepark geworden. Nur von „Felix“ ist nichts mehr zu sehen. Fast alle Gebäude sind nach der Wende abgerissen worden, auf den frei gewordenen Flächen hat sich die Humboldt-Universität breitgemacht.

Jan Carpentier weiß noch, wie es damals hier aussah. Am 5. Dezember 1989 steht er als Reporter des rebellischen Fernsehmagazins „Elf99“ vor dem Wachgebäude an der Rudower Chaussee. Carpentier hat sich einen Namen gemacht mit einer Reportage über die Bonzensiedlung Wandlitz. Jetzt haben ihn die Zeitsoldaten von „Felix“ gerufen, um dem Volk mitzuteilen, dass sie „von der Regierung genauso beschissen wurden“. So ungefähr spricht es der Kommandeur des Wachregiments ins Mikrofon. Die Soldaten haben genug von dem Hass, den sie bei den Einsätzen auf den Massendemonstrationen zu spüren bekommen. Wie 27 Jahre später die vier Männer in Reihe drei im Forum Adlershof wollen sie nicht mehr als „Stasi- Schweine“ beschimpft werden. Zu Berühmtheit bringt es ein Transparent mit der Aufschrift „Wir sind auch das Volk!“.

Carpentier erinnert sich an den vollbesetzten Saal von 800 applaudierenden Soldaten, an den Rundgang durch die Kaserne, „alles dreckig und verwanzt“. Und an die beklemmende Stimmung, „die standen ja alle noch voll unter Waffen. Die Kaserne war ein Pulverfass und keiner wusste, ob es nicht vielleicht hochgehen würde.“ Seine Reportage trägt den Titel „Neues von Felix“ und trägt dazu bei, dass es in Adlershof nicht einmal zu kleineren Detonationen kommt.

Erich Mielke war gern zu Gast hier. Der Minister für Staatssicherheit gefiel sich als aufrichtiger Bewunderer von Feliks Dzierzynski, dem Gründer des sowjetischen Sicherheitsdienstes Tscheka. Das nach ihm benannte Berliner Wachregiment übte auch mal den Häuserkampf, widmete sich aber bevorzugt dem Schutz von Staats- und Parteiführung. Manchmal sprangen die Rekruten auch als Claqueure ein. Jan Carpentier hat noch vor Augen, wie die Soldaten an Samstagen auf die Ladeflächen von Lastwagen sprangen und nach Prenzlauer Berg gekarrt wurden, in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, wo der von Erich Mielke protegierte Fußballklub BFC Dynamo seine Heimspiele ausrichtete. „War für die sicherlich schöner, als irgendwo sonst Wache zu schieben.“

Das Regiment rekrutierte sich zum Großteil aus Zeitsoldaten, die sich für drei Jahre verpflichten mussten und dafür bevorzugt mit Studienplätzen versorgt wurden oder zumindest der Zusicherung, ihre Zeit im Ersatz-Wehrdienst in Berlin abzuleisten. Reguläre Militärs waren durch das Viermächte-Statut untersagt. In Adlershof rekrutierte das MfS seinen hauptamtlichen Nachwuchs.

Aber nicht jeder, der die drei Jahre auf sich nahm, gehörte zwangsweise zu den Hundertfünfzigprozentigen, den linientreuesten DDR-Bürgern. Auch Roland Jahn kann sich aus seiner Jugend in Jena an Mitschüler erinnern, „für die das durchaus eine Option war“, und in diesem Sinne bitte er um „eine differenzierte Betrachtung der jeweiligen Biografien“.

Dirk Zingler etwa, der heutige Präsident des zu DDR-Zeiten renitenten Fußballklubs 1. FC Union Berlin, hatte vor ein paar Jahren einige unangenehme Tage zu überstehen, als seine Dienstzeit bei „Felix“ publik wurde. Es ging dabei weniger um seine alltägliche Arbeit, denn Zingler hatte vorwiegend das Regierungskrankenhaus bewacht. Im Fokus der öffentlichen Betrachtung stand vielmehr ein Textilvergehen. Angehörige des Regiments trugen nämlich für gewöhnlich den weinroten Trainingsanzug des bei Union bis in alle Ewigkeit verhassten BFC Dynamo.

Dessen Ehrenvorsitzender Erich Mielke kam regelmäßig zu staatlichen Feiertagen nach Adlershof. Oder zur Vereidigung der neuen Rekruten auf dem Exerzierplatz an der Rudower Straße. Heute baut dort die Allianz-Versicherung ihren „Campus Berlin“, die deutschlandweite Unternehmenszentrale für knapp 3000 Mitarbeiter. Sandberge, Bagger und Bauwagen prägen das Bild des Platzes, auf dem Mielke den MfS-Nachwuchs zu „noch höheren tschekistischen Leistungen“ aufrief, wie es in Schulungsfilmen seines Ministeriums zu sehen ist.

Mielke hat sich nicht mehr persönlich von seinem Regiment verabschiedet. Auch bei „Felix“ stehen Fernsehgeräte, auf denen die Soldaten sehen, wie der Genosse Minister seine berühmten Worte spricht: „Ich liebe, ich liebe doch alle, alle Menschen!“ Die Abgeordneten der Volkskammer lachen, in Adlershof beginnt die Absetzbewegung.  

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