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  • 05.02.2016
  • von Jeanette Bederke

Helfer auf hoher See

von Jeanette Bederke

Der Helfer. Wann Schluss ist mit dem unnötigen Sterben im Mittelmeer, das wollte Lars Wendland (M.) wissen. Also hat er sich aufgemacht, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen – und um zu helfen. Foto: Patrick Pleul, dpa

Der Bundespolizist Lars Wendland aus Brandenburg verbringt seinen Urlaub damit, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten. Nach der Rückkehr ist er entschlossener denn je

Brieskow-Finkenheerd/Lesbos - Ein riesiger Berg ausrangierter, teils noch nasser Schwimmwesten liegt auf der griechischen Insel Lesbos. Noch vor kurzem trugen sie Flüchtlinge auf der gefährlichen, wenn auch nur zehn Kilometer langen Überfahrt von der türkischen Küste nach Europa. Im Ernstfall hätten die Schwimmwesten ihren Trägern nichts genutzt, sagt Lars Wendland, der den bizarren Müllhaufen fotografiert hat. „Die Dinger sind mit Schaumstoff gefüllt. Der saugt sich im Wasser voll und zieht die Menschen nach unten“, erklärt der 42-Jährige aus Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree).

Wendland hat zwei Wochen lang ehrenamtlich auf einem Boot der privaten deutschen Flüchtlingsinitiative „Sea Watch“ geholfen, die seit Frühjahr 2015 im Mittelmeer-Raum hilft. Tag für Tag fuhr die Crew morgens um sieben Uhr auf das Mittelmeer hinaus, um in Seenot geratene Syrer, Iraker oder auch Afghanen zu retten, leckgeschlagene und heillos überfüllte Schlauchboote an den sicheren Strand der Insel Lesbos zu begleiten – ob bei hohem Wellengang, Frostgraden oder anderen Widrigkeiten.

„Der Januar war in unserer Statistik bisher der tödlichste Monat mit allein 266 Opfern in der Ägäis“, stellt „Sea Watch“-Sprecher Ruben Neugebauer fest. Die überladenen Boote liefen fast immer voll. Kleine Kinder seien direkt an Bord ertrunken.

Der hauptberufliche Bundespolizist Wendland hatte für den freiwilligen Dienst auf der „Sea Watch“ Urlaub genommen. Er wollte mit eigenen Augen sehen, was ihm Fremde von ihrer dramatischen Flucht vor Krieg und politischer Erfahrung erzählt hatten. „Es hat sich gelohnt, für mich war diese Erfahrung wichtig“, sagt der Familienvater, der sich seit zwei Jahren für Flüchtlinge engagiert.

Als 2. Bootsführer war er vorgesehen, zur Crew gehörten zudem ein Skipper, ein Rettungssanitäter und eine Funkerin. „Eigentlich war ich quasi der Mann für alle Fälle“, erzählt Wendland und zeigt ein Video, auf der eine panisch umherblickende Frau nach den Händen der Helfer greift und sie nicht mehr loslassen will. „Wann ist Schluss mit dem unnötigen Sterben? Liegt die Welt wirklich so in Scherben?“, fragt der Brandenburger in einem Gedicht, dass er in einem ersten Resümee auf dem Rückflug schrieb.

Viele seiner dramatischen Erlebnisse und ausdrucksstarken Aufnahmen hat er schon während seines ehrenamtlichen Einsatzes auf Facebook veröffentlicht. Die Reaktionen waren nicht nur positiv, sagt Wendland. „Da gab es schon Leute, die kommentierten, ich sollte lieber meinen Kollegen von der Bundespolizei bei der Grenzsicherung in Süddeutschland helfen“, berichtet er kopfschüttelnd. Andere unterstellten den freiwilligen Helfern, sie würden die Menschen aus den Kriegsgebieten durch ihre Unterstützung erst zur Flucht animieren. Beirren lässt sich Wendland von solchen Kommentaren nicht.

Wendland hat Tagebuch geführt, Fotos gemacht, Videos aufgenommen. Er will in öffentlichen Vorträgen über seine Erlebnisse berichten, um die Menschen in seiner Heimat zu sensibilisieren. „Vielleicht entschließt sich der eine oder andere, selbst dort zu helfen“, hofft er.

Denn eines sei ihm während seines Einsatzes klar geworden: „Ohne die freiwilligen Helfer würden im Mittelmeer noch viel mehr Flüchtlinge sterben. Ich bin froh, dass es Organisationen wie die Sea Watch oder Ärzte ohne Grenzen gibt, die sich so stark engagieren.“ Er habe ein Paar aus Österreich kennengelernt, beide ausgebildete Rettungssanitäter, die auf eigene Kosten tagelang am Strand von Lesbos halfen. „Das war schon beeindruckend.“ Auch Wendland selbst will weiter helfen, dieser Drang sei aufgrund der gemachten Erfahrungen noch größer geworden. „Möglicherweise gehe ich im nächsten Urlaub auf ein weiteres „Sea Watch“-Boot vor der italienischen Insel Lampedusa oder aber ich helfe an der Grenze zu Mazedonien, wo größtenteils chaotische Zustände herrschen und die Flüchtlinge im Freien campieren.“

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